Ratgeber

Beckenbodenschwäche erkennen: Zeichen, Ursachen, erste Schritte

Ein schwacher Beckenboden macht sich lange nur leise bemerkbar. Woran Sie ihn erkennen, warum auch Männer betroffen sind und was wirklich hilft.
Redaktion: UroWissen
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Erstellt nach Leitlinien von EAU und DGU
In einfachen WortenDer Beckenboden ist eine Muskelplatte, die Blase und Darm verschließt und die Organe hält. Wie jeder Muskel lässt er sich trainieren, und wie jeder Muskel wird er ohne Training schwächer.Weiterlesen

Typische Zeichen sind unfreiwilliger Urinverlust beim Husten, Niesen oder Springen, ein Druckgefühl nach unten oder das Gefühl, die Blase nicht ganz zu leeren.

Training wirkt, aber nur wenn es richtig gemacht wird. Die häufigsten Fehler sind Pressen statt Anspannen und Mitarbeit von Bauch, Gesäß und Oberschenkeln.

Lassen Sie sich die Übungen einmal zeigen. Eine Verordnung dafür stellt die Hausarztpraxis aus, die Kasse zahlt.

Ein schwacher Beckenboden macht sich lange nur leise bemerkbar: ein paar Tropfen beim Niesen, ein Ziehen am Abend, ein etwas schwächerer Strahl. Viele halten das für normal. Ist es nicht. Dieser Ratgeber zeigt, woran Sie eine Beckenbodenschwäche erkennen, warum auch Männer betroffen sind, was die Ursachen sind und was in welcher Reihenfolge hilft.

Überblick

Der Beckenboden ist eine mehrschichtige Muskel- und Bindegewebsplatte, die das Becken nach unten abschließt. Er verschließt Blase und Darm, trägt Blase, Gebärmutter und Enddarm, federt jeden Husten und jeden Schritt ab und ist an Erektion, Orgasmus und Samenerguss beteiligt. Wird er schwächer, können alle diese Funktionen leiden. Das Wort Beckenbodenschwäche ist dabei ungenau, denn betroffen sind zwei verschiedene Dinge: die Muskeln, die trainierbar sind, und das Bindegewebe mit seinen Bändern, das es nicht ist.

Etwa jede dritte Frau und jeder zehnte Mann sind im Lauf des Lebens von Harninkontinenz betroffen, bei Frauen über 50 lässt sich bei bis zur Hälfte eine messbare Senkung feststellen. Die meisten Betroffenen warten Jahre, bis sie das Thema ansprechen, im Schnitt sechs bis sieben. Das ist schade, denn je früher behandelt wird, desto besser wirken die einfachen Maßnahmen.

1 von 3
Frauen hat nach der Geburt zeitweise Urinverlust
bis 50 Prozent
der Frauen über 50 zeigen eine messbare Senkung
3 Monate
bis Beckenbodentraining messbar wirkt
etwa 10 Prozent
der Männer nach Prostata-OP bleiben länger inkontinent

Wann zum Arzt

Wenn Urin- oder Stuhlverlust Sie einschränken, wenn ein Vorfall tastbar ist, wenn Sie häufiger Blasenentzündungen bekommen, wenn Sie die Blase nicht leeren können, wenn Blut im Urin ist oder wenn Schmerzen dazukommen. Beckenbodenschwäche ist behandelbar, in jedem Alter. Der größte Fehler ist, sie als normale Alterserscheinung hinzunehmen und mit Einlagen zu verwalten, statt die Ursache zu behandeln.

Fragen an meinen Arzt

Diese Fragen helfen, das Gespräch zu strukturieren. Über die Druckfunktion können Sie die Liste mitnehmen.

Spanne ich beim Training den richtigen Muskel an? Können Sie das prüfen?
Ist meine Inkontinenz eine Belastungs-, Drang- oder Mischform?
Wie viel Restharn habe ich, und entleere ich die Blase vollständig?
Kommen lokale Östrogene oder ein Pessar für mich infrage?
Gibt es eine Physiotherapie mit Schwerpunkt Beckenboden, die Sie empfehlen?
Ab wann sollten wir über eine Operation sprechen?

Woran man sie erkennt

Die Zeichen entwickeln sich meist schleichend und werden oft einzeln betrachtet, statt als Gesamtbild:

  • Tropfenweiser Urinverlust beim Husten, Niesen, Lachen, Heben, Springen oder Joggen (Belastungsinkontinenz)
  • Plötzlicher, kaum aufschiebbarer Harndrang, typisch beim Nachhausekommen oder bei fließendem Wasser (Dranginkontinenz)
  • Gefühl von Druck, Schwere oder Fremdkörper in der Scheide, das abends oder nach langem Stehen stärker ist
  • Das Gefühl, Blase oder Darm nicht vollständig zu entleeren, Nachpressen, in Etappen Wasser lassen
  • Ungewollter Abgang von Winden oder Stuhl, Stuhlschmieren
  • Nachlassendes Empfinden beim Sex, Luftgeräusche aus der Scheide, bei Männern schwächere Erektion oder Nachtröpfeln nach dem Wasserlassen
  • Rückenschmerzen im Kreuz ohne orthopädische Ursache
Selbsttest: Versuchen Sie beim Wasserlassen einmal, den Strahl kurz zu unterbrechen. Gelingt das kaum oder gar nicht, spricht das für eine Schwäche. Zweiter Test: Legen Sie im Liegen eine Hand auf den Damm und husten Sie. Drückt es nach unten gegen die Hand statt leicht nach innen, fehlt der Reflex, der den Beckenboden vor der Belastung anspannt. Wichtig: Das sind Tests, keine Übungen. Regelmäßiges Unterbrechen des Harnstrahls stört die Blasenentleerung.

Bei der Frau: Geburten, Wechseljahre, Veranlagung

Geburten sind der wichtigste Faktor. Vaginale Geburten, vor allem mit großem Kind, langer Pressphase, Dammriss dritten Grades oder Zangengeburt, dehnen Muskeln, Bänder und den Nervus pudendus. Etwa jede dritte Frau erlebt nach der Geburt zumindest zeitweise Urinverlust, bei den meisten bildet sich das innerhalb eines Jahres zurück, bei einem Teil bleibt es. Ein Kaiserschnitt schützt teilweise, aber nicht vollständig, weil schon die Schwangerschaft den Beckenboden belastet.

Wechseljahre schwächen das Bindegewebe durch Östrogenmangel. Deshalb treten Beschwerden oft erst Jahrzehnte nach der Geburt auf, typischerweise zwischen 50 und 60.

Veranlagung: Schwaches Bindegewebe ist teilweise vererbt. Frauen mit Krampfadern, Hernien, Hämorrhoiden oder überbeweglichen Gelenken haben häufiger Beckenbodenprobleme, und oft waren schon Mutter oder Schwester betroffen.

Was viele nicht wissen: Ein überaktiver, verspannter Beckenboden kann dieselben Zeichen machen wie ein schwacher, vor allem Drang, Entleerungsstörung und Schmerz. Kräftigungsübungen verschlimmern ihn. Die Unterscheidung gelingt nur durch eine Tastuntersuchung, deshalb sollte vor jedem Training einmal jemand nachschauen.

Beim Mann: meist nach der Prostata-Operation

Der männliche Beckenboden ist von Natur aus stabiler, weil keine Geburten ihn dehnen und die Scheide als Durchtrittsstelle fehlt. Die häufigste Ursache einer Schwäche ist deshalb eine Operation: Nach radikaler Prostatektomie fehlt der innere Schließmuskel am Blasenausgang, der äußere Schließmuskel muss die Arbeit allein übernehmen und ist darauf nicht trainiert. Direkt nach Katheterentfernung sind fast alle Männer inkontinent, nach drei Monaten etwa die Hälfte wieder trocken, nach einem Jahr 80 bis 90 Prozent. Etwa jeder zehnte bleibt länger betroffen.

Auch nach Ausschälung oder Abhobelung einer gutartigen Prostatavergrößerung ist vorübergehender Urinverlust häufig, bildet sich aber fast immer zurück. Weitere Ursachen sind neurologische Erkrankungen, chronischer Husten, Übergewicht und schwere körperliche Arbeit. Nachtröpfeln nach dem Wasserlassen entsteht, weil die Beckenbodenmuskeln die hintere Harnröhre nicht mehr kräftig genug ausstreichen, und ist ein frühes, oft übersehenes Zeichen.

ZeichenSpricht eher fürErste Maßnahme
Tropfen bei Husten, Niesen, SportBelastungsinkontinenz, schwacher VerschlussBeckenbodentraining, Pessar, Band
Plötzlicher Drang, nachts oft rausÜberaktive Blase, manchmal verspannter BeckenbodenBlasentraining, Trinkverhalten, Medikamente
Druck, Schwere, Fremdkörper in der ScheideSenkungPessar, lokale Östrogene, Rekonstruktion
Unvollständige Entleerung, NachpressenSenkung, verspannter Beckenboden, AbflusshindernisRestharnmessung, Ursache klären
Nachtröpfeln beim MannSchwache BeckenbodenmuskelnAusstreichen, Training
Winde oder Stuhl gehen abSchließmuskelschwäche, DammverletzungProktologische Abklärung, Training

Was zuerst hilft: die Stufen der Behandlung

Training, aber richtig. Etwa die Hälfte der Menschen spannt beim Versuch, den Beckenboden anzuspannen, stattdessen Bauch oder Gesäß an oder presst sogar nach unten. Deshalb lohnt sich eine Anleitung durch spezialisierte Physiotherapie, bei Bedarf mit Biofeedback oder Elektrostimulation, die die Krankenkasse bezahlt. Drei Monate tägliches Training, je drei Einheiten mit zehn Anspannungen, sind nötig, bevor man den Erfolg beurteilen kann. Bei Senkung ist ein individuell angeleitetes Programm nachweislich wirksam, das zeigte die POPPY-Studie mit 447 Frauen; bei Belastungsinkontinenz heilt oder bessert Training nach Cochrane-Daten die Beschwerden bei etwa drei von vier Frauen.

Gewicht und Stuhlgang. Schon fünf bis zehn Prozent weniger Körpergewicht halbieren bei vielen übergewichtigen Frauen die Zahl der Inkontinenzepisoden, das zeigte eine Studie im New England Journal of Medicine. Weicher Stuhl ohne Pressen, erreicht durch Ballaststoffe, Trinken und bei Bedarf Macrogol, entlastet den Beckenboden täglich.

Lokale Östrogene als Creme, Zäpfchen oder Ring verbessern bei Frauen nach den Wechseljahren Gewebe, Drangbeschwerden und die Neigung zu Blasenentzündungen, ohne die Risiken einer Hormontherapie in Tablettenform. Sie wirken nach etwa sechs Wochen und sind eine Dauertherapie.

Pessar. Ein Silikonring, -würfel oder -schale in der Scheide stützt die Organe und kann auch bei Belastungsinkontinenz helfen. Für viele Frauen ist das eine dauerhafte Lösung oder eine Brücke bis zur Operation. Moderne Pessare können selbst eingesetzt und entfernt werden.

Medikamente gibt es gegen Drangbeschwerden (Anticholinergika, Mirabegron), nicht gegen Belastungsinkontinenz. Duloxetin ist bei Belastungsinkontinenz zugelassen, wird aber wegen Nebenwirkungen selten eingesetzt.

Operation. Wenn die konservativen Maßnahmen nach drei bis sechs Monaten nicht ausreichen: bei Frauen das spannungsfreie Band gegen Belastungsinkontinenz oder die Beckenbodenrekonstruktion bei Senkung, bei Männern nach Prostata-OP Bandoperationen oder der künstliche Schließmuskel, wenn sich die Kontinenz nach zwölf Monaten nicht ausreichend erholt hat. Nicht weiter abwarten, das Ergebnis wird durch Zuwarten nicht besser.

Vorbeugen, bevor es Beschwerden gibt

Der beste Zeitpunkt für Beckenbodentraining ist, bevor etwas nachgibt: in der Schwangerschaft, im Wochenbett, vor einer Prostataoperation und rund um die Wechseljahre. Wer schwer hebt, sollte vor dem Heben ausatmen und den Beckenboden anspannen, statt die Luft anzuhalten und nach unten zu pressen. Beim Husten oder Niesen hilft es, den Beckenboden kurz vorher zu aktivieren, eine Technik, die Physiotherapeuten als „the knack“ bezeichnen und die allein schon die Hälfte der Tropfen verhindert.

Sportarten mit harten Landungen wie Trampolin, Seilspringen oder Joggen auf Asphalt belasten einen schwachen Beckenboden stark. Wer dabei Urin verliert, sollte nicht aufhören, sich zu bewegen, sondern vorübergehend auf Radfahren, Schwimmen, Walken oder Krafttraining ohne Pressen ausweichen und parallel trainieren. Rauchen schwächt das Bindegewebe und verursacht chronischen Husten, beides schadet dem Beckenboden doppelt. Und auf der Toilette: nicht pressen, nicht „vorsorglich“ gehen, Füße auf einen kleinen Hocker stellen.

Häufige Fragen (FAQ)

Kann man einen schwachen Beckenboden wieder ganz kräftigen?

Die Muskulatur ja, Bänder und Bindegewebe nicht. Training bessert Belastungsinkontinenz bei den meisten Frauen deutlich, bei ausgeprägter Senkung stößt es an Grenzen. Dann helfen Pessar oder Operation.

Sind Beckenboden-Apps und Trainingsgeräte sinnvoll?

Als Erinnerung und zur Motivation ja. Sie ersetzen aber nicht die einmalige Kontrolle durch eine Fachkraft, ob die richtige Muskulatur angespannt wird. Bei Drang oder Schmerz kann Kräftigung sogar schaden.

Hilft Beckenbodentraining auch bei Erektionsstörungen?

Bei einem Teil der Männer ja, weil die Beckenbodenmuskeln den Blutabfluss aus dem Penis drosseln. Studien zeigen messbare Verbesserungen, vor allem bei leichter Erektionsstörung und bei vorzeitigem Samenerguss.

Zahlt die Kasse Physiotherapie für den Beckenboden?

Ja, auf Rezept als Krankengymnastik, oft mit dem Zusatz Beckenboden oder Biofeedback. Fragen Sie gezielt nach Praxen mit Zusatzqualifikation, die Unterschiede sind groß. Auch Rückbildungskurse und Präventionskurse werden bezuschusst.

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Quellen

Leitlinien

• Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. S2k-Leitlinie Harninkontinenz der Frau. AWMF-Registernummer 015-091.

• European Association of Urology. EAU Guidelines on Non-neurogenic Female LUTS. Ausgabe 2024.

Studien

• Hagen S et al. Individualised pelvic floor muscle training in women with pelvic organ prolapse (POPPY): a multicentre randomised controlled trial. Lancet 2014;383(9919):796-806. PMID 24290404

• Subak LL et al. Weight loss to treat urinary incontinence in overweight and obese women. New England Journal of Medicine 2009;360(5):481-490. PMID 19179316

Reviews

• Dumoulin C et al. Pelvic floor muscle training versus no treatment, or inactive control treatments, for urinary incontinence in women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018;10:CD005654.

• Haylen BT et al. An IUGA/ICS joint report on the terminology for female pelvic floor dysfunction. International Urogynecology Journal 2010;21(1):5-26. PMID 19937315

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