Ratgeber

Harnwege in der Schwangerschaft: Infekte, Stau, Steine, Blase

Die Schwangerschaft verändert Nieren, Harnleiter und Blase grundlegend. Was normal ist, was behandelt werden muss und welche Medikamente erlaubt sind.
Redaktion: UroWissen
Redaktionell erstellt. Eine fachärztliche Einzelprüfung dieses Beitrags steht noch aus. Zum Medical Board
Erstellt nach Leitlinien von EAU und DGU
In einfachen WortenIn der Schwangerschaft verändern sich die Harnwege. Die Harnleiter weiten sich, der Urin fließt langsamer, die Blase wird von der Gebärmutter gedrückt. Häufiges Wasserlassen ist deshalb normal.Weiterlesen

Nicht normal sind Bakterien im Urin, auch ohne Beschwerden. Anders als sonst werden sie in der Schwangerschaft behandelt, weil daraus eine Nierenbeckenentzündung und eine Frühgeburt entstehen können.

Deshalb wird der Urin bei den Vorsorgeterminen regelmäßig untersucht. Nehmen Sie diese Termine wahr, auch wenn Sie sich gut fühlen.

Fieber mit Flankenschmerz sollte sofort abgeklärt werden. In der Schwangerschaft ist das kein Fall zum Abwarten.

Wann Sie ärztlichen Rat brauchen

  • Fieber über 38 Grad mit Flankenschmerz
  • Brennen beim Wasserlassen
  • Vorzeitige Wehen oder Unterbauchschmerzen
  • Blut im Urin

In der Schwangerschaft wird jeder Harnwegsinfekt behandelt, auch ohne Beschwerden. Aus einer Nierenbeckenentzündung kann eine Frühgeburt werden.

Kaum ein Organsystem verändert sich in der Schwangerschaft so stark wie die Harnwege, und kaum eines wird so selten erklärt. Häufiger Harndrang, eine im Ultraschall erweiterte Niere, Bakterien im Urin ohne Beschwerden: Vieles davon ist normal, manches muss behandelt werden, und die Unterscheidung entscheidet über die Gesundheit von Mutter und Kind. Dieser Ratgeber ordnet ein.

Überblick

Drei Dinge geschehen gleichzeitig. Das Hormon Progesteron entspannt die glatte Muskulatur, auch die der Harnleiter und der Blase; der Urin fließt langsamer, die Harnleiter werden weiter. Die wachsende Gebärmutter drückt auf Blase und Harnleiter, rechts stärker als links, weil sie sich meist nach rechts dreht. Und die Nieren arbeiten um 50 Prozent mehr, um das größere Blutvolumen zu filtern, sodass mehr Urin entsteht. Die Folge ist ein Harntrakt, der weiter, langsamer und voller ist als sonst, und genau das begünstigt Infekte, Stau und Steine.

Die gute Nachricht: Fast alles davon bildet sich innerhalb von sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt zurück. Die Aufgabe während der Schwangerschaft ist, die behandlungsbedürftigen Probleme von den normalen Veränderungen zu trennen und sie ohne Risiko für das Kind zu behandeln.

2 bis 10 Prozent
der Schwangeren haben Bakterien im Urin ohne Beschwerden
bis 90 Prozent
zeigen ab dem zweiten Trimenon eine erweiterte rechte Niere
1 von 1.500
Schwangerschaften ist von einem Nierenstein betroffen
50 Prozent
Urinverlust beim Husten im dritten Trimenon

Bakterien im Urin ohne Beschwerden

Bei 2 bis 10 Prozent aller Schwangeren finden sich in der Urinkultur Bakterien in relevanter Menge, ohne dass Beschwerden bestehen. Außerhalb der Schwangerschaft wird das nicht behandelt. In der Schwangerschaft ist es anders: Unbehandelt entwickelt etwa jede dritte dieser Frauen eine Nierenbeckenentzündung, weil die weiten, langsamen Harnleiter den Bakterien den Weg nach oben ebnen. Nierenbeckenentzündungen erhöhen das Risiko für Frühgeburt und niedriges Geburtsgewicht. Deshalb sieht die Mutterschaftsvorsorge eine Urinuntersuchung bei jedem Termin vor, und die Leitlinien empfehlen eine Urinkultur im ersten Trimenon und die Behandlung jeder nachgewiesenen Bakteriurie.

Behandelt wird mit einem Antibiotikum über vier bis sieben Tage nach Antibiogramm, gefolgt von einer Kontrollkultur. Der Teststreifen allein reicht zum Ausschluss nicht, weil er bei Schwangeren häufiger falsch negativ ist; entscheidend ist die Kultur.

Blasenentzündung und Nierenbeckenentzündung

Eine Blasenentzündung mit Brennen, Drang und Schmerzen über dem Schambein wird in der Schwangerschaft immer mit Antibiotika behandelt, nicht nur mit Schmerzmitteln und Trinken wie bei anderen Frauen, und immer mit einer Urinkultur vorher. Als sicher in allen Phasen gelten Penicilline wie Amoxicillin, Cephalosporine wie Cefuroxim oder Cefpodoxim und Fosfomycin als Einmalgabe. Nitrofurantoin ist im zweiten Trimenon möglich, wird aber kurz vor der Geburt wegen eines Risikos für das Neugeborene vermieden. Nicht verwendet werden Fluorchinolone wie Ciprofloxacin, Tetrazykline und Cotrimoxazol im ersten und letzten Trimenon.

Fieber über 38 Grad, Schüttelfrost, Flankenschmerz und Klopfschmerz über der Niere bedeuten eine Nierenbeckenentzündung. Sie tritt bei ein bis zwei Prozent der Schwangeren auf, meist rechts und meist im zweiten oder dritten Trimenon, und wird in der Regel stationär mit Antibiotika über die Vene behandelt, bis die Schwangere 48 Stunden fieberfrei ist. Danach folgt eine Tablettentherapie über zehn bis 14 Tage und für den Rest der Schwangerschaft eine niedrig dosierte Vorbeugung. Fieber in der Schwangerschaft ist deshalb kein Grund zum Abwarten, sondern zum Anruf in der Klinik, auch nachts.

Warnzeichen, die sofort in die Klinik gehören: Fieber über 38 Grad mit Flankenschmerz, Schüttelfrost, anhaltendes Erbrechen, kein Wasserlassen mehr, starke wellenartige Schmerzen, vorzeitige Wehen oder Blutungen. Eine Nierenbeckenentzündung kann Wehen auslösen, und Wehen können Flankenschmerz vortäuschen; die Unterscheidung gehört in ärztliche Hand.

Die erweiterte Niere: Stau oder normal?

Ab dem zweiten Trimenon zeigt der Ultraschall bei bis zu 90 Prozent der Schwangeren eine Erweiterung des rechten Nierenbeckens, bei etwa zwei Dritteln auch links. Das ist die physiologische Hydronephrose der Schwangerschaft, verursacht durch Progesteron und den Druck der Gebärmutter, und sie ist kein Grund zur Sorge: Sie macht keine Beschwerden, die Nierenfunktion bleibt normal, und sie verschwindet nach der Geburt. Behandelt wird sie nicht.

Anders ist es, wenn die Erweiterung Beschwerden macht: kolikartige Flankenschmerzen, die im Liegen auf der betroffenen Seite zunehmen und auf der anderen Seite nachlassen, Übelkeit, Fieber oder Blut im Urin. Dann kann ein echter Stau vorliegen, etwa durch einen Stein oder bei Zwillingen durch stärkeren Druck. Die Unterscheidung gelingt mit Ultraschall, Urinuntersuchung und Nierenwerten; ein CT wird vermieden, ein MRT ohne Kontrastmittel ist möglich. Bei schmerzhaftem Stau oder Infekt wird die Niere mit einer Harnleiterschiene oder einer Nierenfistel entlastet, die bis zur Geburt liegen bleibt und in der Schwangerschaft häufiger gewechselt werden muss, weil sie schneller verkrustet.

Nierensteine in der Schwangerschaft

Etwa eine von 1.500 Schwangerschaften ist von einem Steinleiden betroffen, meist im zweiten und dritten Trimenon. Die Schwangerschaft begünstigt Steine, weil mehr Kalzium ausgeschieden wird und der Urin langsamer fließt, zugleich schützt sie durch vermehrtes Citrat und Magnesium; insgesamt treten Steine nicht häufiger auf als sonst, aber sie sind schwieriger zu diagnostizieren und zu behandeln. Die Kolik wird leicht mit Wehen, einer Nierenbeckenentzündung oder der physiologischen Erweiterung verwechselt.

Die Diagnose beginnt mit Ultraschall, der Steine in der Niere zeigt, Harnleitersteine aber oft nicht; das MRT hilft bei Unklarheit, ein Niedrigdosis-CT nur in Ausnahmefällen nach dem ersten Trimenon. Zur Schmerztherapie sind Paracetamol und in begrenztem Umfang Metamizol möglich, Diclofenac und Ibuprofen ab der 28. Woche nicht mehr, weil sie die Kindsgefäße beeinflussen. Etwa zwei Drittel der Steine gehen von selbst ab. Bei Fieber, Einzelniere, anhaltenden Schmerzen oder Stau wird entlastet, entweder mit einer Harnleiterschiene bis zur Geburt oder zunehmend mit einer Harnleiterspiegelung und Laserzerkleinerung, die in erfahrenen Händen in jedem Trimenon sicher ist. Die Stoßwellentherapie ist in der Schwangerschaft verboten.

WirkstoffIn der SchwangerschaftHinweis
Amoxicillin, Ampicillinmöglich in allen PhasenMittel der ersten Wahl, zunehmende Resistenzen
Cefuroxim, Cefpodoximmöglich in allen Phasengut wirksam, auch bei Nierenbeckenentzündung
Fosfomycinmöglich in allen PhasenEinmalgabe bei Blasenentzündung
Nitrofurantoinzweites Trimenon möglichkurz vor der Geburt vermeiden
Cotrimoxazolnur zweites Trimenonim ersten und dritten Trimenon vermeiden
Ciprofloxacin, Levofloxacinnicht verwendenKnorpelschäden beim Kind möglich
Doxycyclinnicht verwendenZahn- und Knochenschäden beim Kind

Blase und Beckenboden

Häufiger Harndrang im ersten Trimenon entsteht durch die größere Urinmenge und den Druck der noch im Becken liegenden Gebärmutter, im dritten Trimenon durch das Kindsgewicht auf der Blase. Bis zu 50 Prozent der Schwangeren verlieren im letzten Drittel beim Husten, Niesen oder Lachen Urin, weil Beckenboden und Bindegewebe hormonell weicher werden und das Gewicht drückt. Beides ist normal und bildet sich meist zurück. Nächtliches Wasserlassen gehört dazu und lässt sich durch weniger Trinken am Abend etwas begrenzen, die Gesamttrinkmenge von zwei Litern sollte aber eingehalten werden, schon zum Infektschutz.

Beckenbodentraining in der Schwangerschaft ist nachweislich wirksam: Frauen, die ab der Mitte der Schwangerschaft trainieren, haben nach der Geburt seltener Inkontinenz, das zeigen Cochrane-Analysen. Ein angeleiteter Kurs oder eine Physiotherapieverordnung lohnt sich vor allem bei ersten Schwangerschaften, großem Kind oder Inkontinenz schon in der Schwangerschaft. Nach der Geburt beginnt die Rückbildung nach sechs bis acht Wochen; Urinverlust, der nach drei Monaten noch besteht, sollte urologisch oder in der Urogynäkologie abgeklärt werden, nicht abgewartet.

Nach der Geburt

In den ersten Tagen nach der Entbindung, besonders nach Periduralanästhesie, Kaiserschnitt oder Dammschnitt, kann die Blase vorübergehend nicht richtig entleert werden; Hebammen achten deshalb auf den ersten Toilettengang und den Restharn, bei Bedarf wird einmal katheterisiert. Blasenentzündungen sind im Wochenbett häufig, auch durch Katheter unter der Geburt, und werden ebenso mit Antibiotika behandelt, die beim Stillen erlaubt sind, darunter Penicilline, Cephalosporine und Fosfomycin.

Die erweiterten Nieren normalisieren sich innerhalb von sechs bis zwölf Wochen; eine Schiene oder Nierenfistel aus der Schwangerschaft wird nach der Geburt entfernt und der Stein dann endgültig behandelt. Wer in der Schwangerschaft eine Nierenbeckenentzündung hatte, sollte nach der Geburt eine Ultraschallkontrolle und bei wiederholten Infekten eine urologische Abklärung bekommen, weil in manchen Fällen eine Fehlbildung oder ein Reflux zugrunde liegt.

Fragen an meinen Arzt

Diese Fragen helfen, das Gespräch zu strukturieren. Über die Druckfunktion können Sie die Liste mitnehmen.

Ist in meinem Urin ein Keim nachgewiesen, und muss er behandelt werden, auch ohne Beschwerden?
Welches Antibiotikum ist in meinem Schwangerschaftsdrittel sicher?
Ist die Erweiterung meiner Niere normal oder ein echter Stau?
Was tue ich bei Fieber oder Flankenschmerz, auch nachts?
Wann beginne ich mit Beckenbodentraining, und wie?

Häufige Fragen (FAQ)

Schadet ein Antibiotikum dem Kind?

Die in der Schwangerschaft verwendeten Antibiotika wie Penicilline, Cephalosporine und Fosfomycin sind seit Jahrzehnten im Einsatz und gelten als sicher. Ein unbehandelter Infekt mit Nierenbeteiligung schadet dem Kind deutlich mehr als das Medikament. Die Datenbank embryotox.de der Charité gibt Auskunft zu jedem Wirkstoff.

Hilft Cranberry oder D-Mannose in der Schwangerschaft?

Beides ist unschädlich, die Wirksamkeit ist aber nicht ausreichend belegt, und beides ersetzt bei nachgewiesenen Bakterien nicht das Antibiotikum. Viel trinken, nach dem Sex Wasser lassen und den Urin bei jedem Vorsorgetermin kontrollieren lassen sind wirksamer.

Darf ich bei einer Nierenkolik einen Ultraschall oder ein Röntgen bekommen?

Ultraschall jederzeit, MRT ohne Kontrastmittel ebenfalls. Röntgen und CT werden vermieden, ein Niedrigdosis-CT ist nach dem ersten Trimenon in begründeten Einzelfällen möglich; die Dosis liegt dann weit unter der Schwelle für kindliche Schäden.

Bleibt die Blasenschwäche nach der Geburt?

Bei den meisten Frauen bildet sie sich innerhalb von drei bis sechs Monaten zurück, vor allem mit Rückbildung und Beckenbodentraining. Etwa jede vierte Frau, die nach der Geburt noch Urin verliert, hat es auch nach einem Jahr; dann ist eine Abklärung sinnvoll, weil Physiotherapie, Pessar und später Operationen gut helfen.

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Quellen

Leitlinien

• Deutsche Gesellschaft für Urologie. S3-Leitlinie Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen. AWMF-Registernummer 043-044, Langversion 3.0, 2024.

• European Association of Urology. EAU Guidelines on Urolithiasis. Ausgabe 2024.

• Mutterschafts-Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses, aktuelle Fassung.

Studien

• Smaill FM, Vazquez JC. Antibiotics for asymptomatic bacteriuria in pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019;11:CD000490.

• Woodley SJ et al. Pelvic floor muscle training for preventing and treating urinary and faecal incontinence in antenatal and postnatal women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2020;5:CD007471.

Reviews

• Semins MJ, Matlaga BR. Kidney stones during pregnancy. Nature Reviews Urology 2014;11(3):163-168. PMID 24515090

• Embryotox, Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité Berlin, embryotox.de.

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⚠️ Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen gesundheitlichen Aufklärung und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei gesundheitlichen Beschwerden immer einen Facharzt für Urologie. Die Inhalte wurden sorgfältig auf Basis aktueller Leitlinien und Fachliteratur erstellt, eine Gewähr für Vollständigkeit und Aktualität kann nicht übernommen werden.
Quelle: UroWissen.de, unabhängige urologische Patienteninformation. Dieser Ausdruck ersetzt keine ärztliche Beratung.
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