Urologie der Frau

Descensus genitalis (Beckenbodensenkung der Frau)

Descensus genitalis und Beckenorganprolaps: warum nur jede zehnte Frau mit Senkung Beschwerden hat, was Pessar und Beckenbodentraining leisten und wann operiert wird.
Redaktion: UroWissen
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Erstellt nach Leitlinien von EAU und DGU
In einfachen WortenBeim Descensus senken sich Blase, Gebärmutter oder Enddarm nach unten, weil der Beckenboden nachgibt. Typisch ist ein Druckgefühl nach unten, das im Lauf des Tages zunimmt.Weiterlesen

Viele Frauen ertasten selbst eine Vorwölbung. Das ist unangenehm, aber nicht gefährlich.

Behandelt wird abgestuft: Beckenbodentraining, ein Pessar, nach den Wechseljahren örtliches Östrogen. Vielen reicht das dauerhaft.

Eine Operation ist erst der nächste Schritt. Sie richtet sich danach, welcher Teil abgesunken ist, und sollte nicht vor Abschluss der Familienplanung erfolgen.

Ringförmiges Pessar
Ein Pessar wird in die Scheide eingelegt und stützt die abgesunkenen Organe von innen. Es gibt verschiedene Formen und Größen.
Illustration: Servier Medical Art, lizenziert unter CC BY 4.0.

Wenn der Halt nachlässt

Blase, Gebärmutter und Enddarm liegen im weiblichen Becken übereinander und werden von einer gemeinsamen Muskel- und Bindegewebsplatte getragen, dem Beckenboden. Lässt dessen Halt nach, senken sich die Organe nach unten. Man spricht von Descensus genitalis oder Beckenorganprolaps.

Je nachdem, welches Organ absinkt, tragen die Formen eigene Namen: Zystozele bei der Blase, Uterusprolaps bei der Gebärmutter, Rektozele beim Enddarm. Häufig senkt sich mehr als ein Organ gleichzeitig.

bis 50 Prozent
der Frauen zeigen eine Senkung im Befund
etwa 10 Prozent
haben tatsächlich Beschwerden
4
Schweregrade der Einteilung

Woran Sie es merken

Das typische Gefühl ist ein Druck oder eine Schwere nach unten, als würde etwas herausfallen. Es nimmt im Laufe des Tages zu, verstärkt sich beim Stehen und Heben und bessert sich im Liegen.

Je nach betroffenem Organ kommen unterschiedliche Beschwerden hinzu. Bei der Blasensenkung sind es häufiges Wasserlassen, das Gefühl der unvollständigen Entleerung und wiederkehrende Infekte. Bei der Enddarmsenkung ist es erschwerter Stuhlgang, bei dem manche Frauen mit dem Finger von der Scheide aus nachhelfen müssen. Bei ausgeprägter Senkung ist etwas am Scheideneingang tastbar oder sichtbar.

Die wichtigste Zahl steht am Anfang: Bei bis zur Hälfte aller Frauen lässt sich bei der Untersuchung eine Senkung feststellen, aber nur etwa jede zehnte hat davon Beschwerden. Behandelt wird deshalb nicht der Befund, sondern das Leiden. Eine Senkung ersten oder zweiten Grades ohne Symptome braucht keine Therapie, und die Empfehlung zur Operation allein wegen eines Untersuchungsbefundes ist nicht angemessen.

Was dazu führt

An erster Stelle stehen Schwangerschaften und vaginale Geburten, besonders bei hohem Geburtsgewicht, langer Austreibungsphase oder Zangengeburt. Der Beckenboden wird dabei erheblich gedehnt, und die Erholung ist nicht immer vollständig.

Hinzu kommen die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren, die das Bindegewebe schwächt, Übergewicht, chronischer Husten, jahrelanges schweres Heben und eine anlagebedingte Bindegewebsschwäche. Auch nach einer Gebärmutterentfernung kann sich der Scheidenstumpf senken.

Weibliches Becken im Längsschnitt
Blase, Gebärmutter und Enddarm liegen übereinander und werden vom Beckenboden getragen. Lässt sein Halt nach, senken sich die Organe nach unten.
Illustration: Servier Medical Art, lizenziert unter CC BY 4.0.

Die vier Grade

Grad I
Senkung bis oberhalb des Scheideneingangs
Grad II
bis auf Höhe des Scheideneingangs
Grad III
teilweise vor den Scheideneingang
Grad IV
vollständiger Vorfall

Untersucht wird im Liegen und im Stehen, jeweils in Ruhe und beim Pressen, weil sich der Befund dabei erheblich unterscheiden kann. Ergänzt wird das durch Restharnmessung, Urinuntersuchung und bei geplanter Operation häufig eine urodynamische Untersuchung.

Behandlung ohne Operation

Beckenbodentraining ist bei leichter bis mittlerer Senkung die Behandlung der ersten Wahl. Angeleitet über mindestens drei Monate bessert es Beschwerden nachweislich, auch wenn es die Anatomie nicht zurückverlagert. Die Anleitung steht im Ratgeber zum Beckenbodentraining.

Pessare sind Ringe, Würfel oder Schalen aus Silikon, die in die Scheide eingelegt werden und die Organe von innen stützen. Sie wirken sofort, sind in jedem Alter einsetzbar und eine vollwertige Alternative zur Operation, nicht nur ein Notbehelf. Viele Frauen legen sie selbst ein und heraus, andere lassen sie in Abständen wechseln.

Lokale Östrogene verbessern die Schleimhautqualität und werden besonders bei Pessarträgerinnen und vor einer Operation eingesetzt.

Dazu kommen Gewichtsreduktion, Behandlung von Verstopfung und Vermeidung von schwerem Heben.

Wann operiert wird

Bei ausgeprägter Senkung mit Beschwerden, bei Entleerungsstörungen von Blase oder Darm und wenn die konservativen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Der Zeitpunkt ist selten dringlich, was Raum für eine überlegte Entscheidung lässt.

Die Verfahren richten sich danach, welches Organ betroffen ist und ob die Gebärmutter erhalten bleiben soll. Operiert wird über die Scheide oder über den Bauchraum, zunehmend roboterassistiert. Verwendet wird überwiegend Eigengewebe.

Zu Kunststoffnetzen über die Scheide gab es in mehreren Ländern erhebliche Kritik und Marktrücknahmen, weshalb sie in dieser Anwendung heute nur noch in Ausnahmefällen und an spezialisierten Zentren eingesetzt werden. Davon zu unterscheiden ist das schmale Band gegen Belastungsinkontinenz, das weiterhin empfohlen wird.

Häufige Fragen

Muss ich operiert werden?

Nur wenn Sie Beschwerden haben und diese sich konservativ nicht ausreichend bessern. Eine Senkung ohne Symptome wird nicht operiert. Pessar und Beckenbodentraining sind vollwertige Alternativen, mit denen viele Frauen dauerhaft gut zurechtkommen.

Ist ein Pessar nur etwas für alte Frauen?

Nein. Pessare eignen sich in jedem Alter, auch bei noch bestehendem Kinderwunsch, bei dem eine Operation ohnehin verschoben würde. Sie beeinträchtigen weder Geschlechtsverkehr noch Alltag, wenn Typ und Größe passen. Das Anpassen braucht manchmal zwei bis drei Versuche.

Kommt die Senkung nach der Operation wieder?

Ein Rückfall ist möglich, weil die zugrunde liegende Bindegewebsschwäche bestehen bleibt. Die Wahrscheinlichkeit hängt vom Verfahren, vom Ausgangsbefund und von den Belastungen danach ab. Beckenbodentraining, Gewichtskontrolle und der Verzicht auf schweres Heben senken das Risiko.

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Quellen

Leitlinien

• S2e-Leitlinie Deszensus genitalis der Frau. DGGG/AGUB, AWMF-Register-Nr. 015-006, 2022.

Reviews

• Maher, C. et al. (2016). Surgery for women with anterior compartment prolapse. Cochrane Database of Systematic Reviews, 11, CD004014. PMID 27901278

• Maher, C. et al. Surgery for women with apical vaginal prolapse. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2016;10:CD012376.

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⚠️ Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen gesundheitlichen Aufklärung und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei gesundheitlichen Beschwerden immer einen Facharzt für Urologie. Die Inhalte wurden sorgfältig auf Basis aktueller Leitlinien und Fachliteratur erstellt, eine Gewähr für Vollständigkeit und Aktualität kann nicht übernommen werden. Keine Haftung für Schäden durch Selbstmedikation.
Quelle: UroWissen.de, unabhängige urologische Patienteninformation. Dieser Ausdruck ersetzt keine ärztliche Beratung.
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