
Die Harnröhre wird von Bändern im Becken gehalten. Sind diese Bänder überdehnt, fehlt der Gegenhalt, und die Harnröhre geht nicht richtig auf. Die Blase muss dann gegen einen zu engen Ausgang arbeiten.
Typisch sind ein schwacher Strahl, ein verzögerter Beginn, Pressen und das Gefühl, dass die Blase nicht leer wird. Bleibt Urin zurück, kommen Blasenentzündungen leichter wieder.
Das lässt sich abklären und behandeln. Der erste Schritt ist, es überhaupt anzusprechen.
Beschwerden beim Entleeren der Blase gelten als Männerthema, weil dort die Prostata im Weg sein kann. Frauen haben keine Prostata, deshalb wird bei ihnen seltener danach gefragt. Tatsächlich sind Entleerungsstörungen bei Frauen häufig: Sie zeigen sich als schwacher oder unterbrochener Strahl, verzögerter Beginn, Pressen beim Wasserlassen, das Gefühl der unvollständigen Entleerung, Nachtröpfeln und die Notwendigkeit, sich beim Wasserlassen anders hinzusetzen oder die Scheide mit den Fingern zurückzuschieben. Der letzte Punkt ist fast beweisend für eine Senkung, wird aber von den wenigsten Frauen von sich aus erzählt.
Die Folgen sind mehr als lästig. Bleibt Restharn zurück, steigt das Risiko für wiederkehrende Harnwegsinfekte, für Blasensteine und, bei großen Restharnmengen über Jahre, für eine Belastung der Nieren.
Die klassische Vorstellung lautet: Die Blase zieht sich zusammen, die Harnröhre erschlafft, der Urin fließt. Neuere Arbeiten beschreiben einen zusätzlichen Vorgang: Die Harnröhre wird unmittelbar vor der Blasenkontraktion von hinten aktiv geöffnet. Zwei Muskelgruppen ziehen dafür nach hinten und unten, und zwar gegen die uterosakralen Haltebänder. Nur wenn diese Bänder straff sind, haben die Muskeln einen Gegenhalt und können die hintere Harnröhrenwand öffnen.
Sind die Bänder überdehnt, fehlt dieser Gegenhalt. Die Harnröhre wird nicht ausreichend geöffnet, und der Blasenmuskel muss gegen einen zu engen Ausgang arbeiten. Das erklärt die Beschwerden: verzögerter Beginn, schwacher Strahl, Pressen, Restharn. Es erklärt auch, warum ein Teil der Frauen mit Entleerungsstörung keine Harnröhrenenge und keine neurologische Erkrankung hat und die Untersuchung dennoch auffällig ist.
Dazu kommt der mechanische Anteil: Eine ausgeprägte Senkung der vorderen Scheidenwand kann die Harnröhre abknicken, ähnlich wie ein Gartenschlauch. Beides kann zusammen auftreten.
In der internationalen PROPEL-Studie wurden 281 Frauen mit Senkung ab Grad zwei vor der Operation und über zwei Jahre danach mit einem standardisierten Fragebogen zu ihren Beschwerden befragt. Entleerungsstörungen waren vor der Operation häufig und besserten sich danach in allen untersuchten Punkten deutlich. Auffällig war, dass nicht nur Senkungen der vorderen Scheidenwand, sondern auch Defekte des mittleren und hinteren Anteils mit Entleerungsstörungen einhergingen, was zur Rolle der hinteren Haltebänder passt.
Frauen, deren Senkung anatomisch vollständig behoben wurde, hatten anhaltend bessere Ergebnisse als jene mit Restbefund. Auch das spricht dafür, dass die Senkung nicht zufällig neben der Entleerungsstörung besteht, sondern zu ihr beiträgt.
| Beschwerde | Typischer Hinweis | Was dahinterstecken kann |
|---|---|---|
| Schwacher Strahl, verzögerter Beginn | dauert länger als früher | Haltebänder überdehnt, Harnröhre wird nicht geöffnet |
| Pressen beim Wasserlassen | Bauchpresse nötig | fehlender Gegenhalt der Bänder |
| Zurückschieben der Scheide nötig | mit den Fingern, um zu entleeren | Senkung der vorderen Wand, Abknickung |
| Gefühl der unvollständigen Entleerung | kurz danach erneut Drang | Restharn |
| Wiederkehrende Harnwegsinfekte | mehr als zwei im halben Jahr | Restharn als Nährboden |
Der wichtigste Schritt ist, überhaupt danach zu fragen. Zur Abklärung gehören:
Bleibt der Befund unklar, folgt eine Blasendruckmessung. Sie unterscheidet, ob der Blasenmuskel zu schwach ist oder der Abfluss behindert wird. Das ist die entscheidende Frage, denn beides wird völlig verschieden behandelt.
Abzugrenzen sind eine Harnröhrenenge, ein Harnröhrendivertikel, neurologische Erkrankungen, Nebenwirkungen von Medikamenten, etwa mit anticholinerger Wirkung, sowie Zustände nach Bandeinlage gegen Belastungsinkontinenz, bei denen das Band zu straff liegen kann.
Ohne Operation stehen Beckenbodenphysiotherapie mit gezielter Entspannungsschulung, Toilettenverhalten mit ausreichender Zeit und aufrechter Haltung, das Absetzen begünstigender Medikamente, lokale Östrogene nach den Wechseljahren und, bei relevantem Restharn, der Selbstkatheterismus als Überbrückung zur Verfügung. Ein Pessar kann die Senkung anheben und zeigt zugleich, ob sich die Entleerung dadurch bessert; das ist ein guter Test vor einer Operationsentscheidung.
Führt die Senkung nachweislich zur Entleerungsstörung, kann die Rekonstruktion beides beheben: die Senkung und die Beschwerden beim Wasserlassen. Welches Verfahren infrage kommt, richtet sich nach dem betroffenen Anteil und wird individuell besprochen. Ein wichtiger Hinweis für die Aufklärung: Nach jeder Senkungsoperation kann sich eine bis dahin verdeckte Belastungsinkontinenz zeigen, weil die Abknickung wegfällt, die den Urin bisher zurückgehalten hat. Darüber sollte vorher gesprochen werden.
Diese Fragen helfen, das Gespräch zu strukturieren. Über die Druckfunktion können Sie die Liste mitnehmen.
Ja. Restharn ist einer der wichtigsten Gründe für wiederkehrende Infekte, weil zurückbleibender Urin Bakterien einen Nährboden bietet. Wird die Entleerung verbessert, gehen die Infekte bei vielen Frauen deutlich zurück.
Nur, wenn der Restharn hoch ist und andere Maßnahmen nicht ausreichen. Der Selbstkatheterismus ist dann meist eine Überbrückung, bis die Ursache behandelt ist, und wird in der Praxis oder Klinik in Ruhe angeleitet.
Das kommt vor, vor allem wenn zugleich ein Band gegen Belastungsinkontinenz eingelegt wird und zu straff liegt. Deshalb gehören Restharnkontrollen zur Nachsorge, und deshalb wird heute zurückhaltender kombiniert als früher.
Weil Entleerungsstörungen bei Frauen lange als Randerscheinung galten. Das ändert sich gerade: Mehrere Arbeiten der letzten Jahre zeigen, wie häufig sie sind und wie oft die Senkung dabei eine Rolle spielt.
Leitlinien
• Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Leitlinie Weiblicher Descensus genitalis, Diagnostik und Therapie. AWMF-Registernummer 015-006.
• European Association of Urology. EAU Guidelines on Non-neurogenic Female Lower Urinary Tract Symptoms. Ausgabe 2024.
Studien
• Himmler M, Kohl M, Rakhimbayeva A, Witczak M, Yassouridis A, Liedl B. Symptoms of voiding dysfunction and other coexisting pelvic floor dysfunctions: the impact of transvaginal, mesh-augmented sacrospinous ligament fixation. International Urogynecology Journal 2021;32(10):2777-2786. PMID 33502548
• Liedl B, Goeschen K, Sutherland SE et al. Can surgical reconstruction of vaginal and ligamentous laxity cure overactive bladder symptoms in women with pelvic organ prolapse? BJU International 2019;123(3):493-510. PMID 28306603
• Liedl, B. et al. Repair of pelvic organ prolapse can cure symptoms of bladder outlet obstruction. Neurourology and Urodynamics 2025;44:1392-1393.
Reviews
• Petros, P. et al. Etiopathogenesis of bladder outlet obstruction in the female. Urologia Internationalis 2025 (Vorabveröffentlichung).