Frau

Blasenentleerungsstörung bei der Frau

Schwacher Strahl, Pressen, Stop-and-go, das Gefühl, die Blase werde nicht leer: Bei Frauen wird das oft hingenommen oder als Blasenschwäche gedeutet. Häufig steckt eine Senkung dahinter, und die ist behandelbar.
Redaktion: UroWissen
Fachliche Begleitung: Medical Board
Dr. med. Bernhard LiedlGeprüft von Dr. med. Bernhard Liedl
geprüft
Erstellt nach Leitlinien von EAU und DGU
In einfachen WortenBeim Wasserlassen muss zweierlei zusammenspielen: Die Blase drückt, und die Harnröhre öffnet sich. Bei vielen Frauen klemmt es nicht an der Blase, sondern an der Öffnung.Weiterlesen

Die Harnröhre wird von Bändern im Becken gehalten. Sind diese Bänder überdehnt, fehlt der Gegenhalt, und die Harnröhre geht nicht richtig auf. Die Blase muss dann gegen einen zu engen Ausgang arbeiten.

Typisch sind ein schwacher Strahl, ein verzögerter Beginn, Pressen und das Gefühl, dass die Blase nicht leer wird. Bleibt Urin zurück, kommen Blasenentzündungen leichter wieder.

Das lässt sich abklären und behandeln. Der erste Schritt ist, es überhaupt anzusprechen.

Überblick

Beschwerden beim Entleeren der Blase gelten als Männerthema, weil dort die Prostata im Weg sein kann. Frauen haben keine Prostata, deshalb wird bei ihnen seltener danach gefragt. Tatsächlich sind Entleerungsstörungen bei Frauen häufig: Sie zeigen sich als schwacher oder unterbrochener Strahl, verzögerter Beginn, Pressen beim Wasserlassen, das Gefühl der unvollständigen Entleerung, Nachtröpfeln und die Notwendigkeit, sich beim Wasserlassen anders hinzusetzen oder die Scheide mit den Fingern zurückzuschieben. Der letzte Punkt ist fast beweisend für eine Senkung, wird aber von den wenigsten Frauen von sich aus erzählt.

Die Folgen sind mehr als lästig. Bleibt Restharn zurück, steigt das Risiko für wiederkehrende Harnwegsinfekte, für Blasensteine und, bei großen Restharnmengen über Jahre, für eine Belastung der Nieren.

Warum die Entleerung an der Senkung scheitern kann

Die klassische Vorstellung lautet: Die Blase zieht sich zusammen, die Harnröhre erschlafft, der Urin fließt. Neuere Arbeiten beschreiben einen zusätzlichen Vorgang: Die Harnröhre wird unmittelbar vor der Blasenkontraktion von hinten aktiv geöffnet. Zwei Muskelgruppen ziehen dafür nach hinten und unten, und zwar gegen die uterosakralen Haltebänder. Nur wenn diese Bänder straff sind, haben die Muskeln einen Gegenhalt und können die hintere Harnröhrenwand öffnen.

Sind die Bänder überdehnt, fehlt dieser Gegenhalt. Die Harnröhre wird nicht ausreichend geöffnet, und der Blasenmuskel muss gegen einen zu engen Ausgang arbeiten. Das erklärt die Beschwerden: verzögerter Beginn, schwacher Strahl, Pressen, Restharn. Es erklärt auch, warum ein Teil der Frauen mit Entleerungsstörung keine Harnröhrenenge und keine neurologische Erkrankung hat und die Untersuchung dennoch auffällig ist.

Dazu kommt der mechanische Anteil: Eine ausgeprägte Senkung der vorderen Scheidenwand kann die Harnröhre abknicken, ähnlich wie ein Gartenschlauch. Beides kann zusammen auftreten.

Was die Studien zeigen

In der internationalen PROPEL-Studie wurden 281 Frauen mit Senkung ab Grad zwei vor der Operation und über zwei Jahre danach mit einem standardisierten Fragebogen zu ihren Beschwerden befragt. Entleerungsstörungen waren vor der Operation häufig und besserten sich danach in allen untersuchten Punkten deutlich. Auffällig war, dass nicht nur Senkungen der vorderen Scheidenwand, sondern auch Defekte des mittleren und hinteren Anteils mit Entleerungsstörungen einhergingen, was zur Rolle der hinteren Haltebänder passt.

Frauen, deren Senkung anatomisch vollständig behoben wurde, hatten anhaltend bessere Ergebnisse als jene mit Restbefund. Auch das spricht dafür, dass die Senkung nicht zufällig neben der Entleerungsstörung besteht, sondern zu ihr beiträgt.

BeschwerdeTypischer HinweisWas dahinterstecken kann
Schwacher Strahl, verzögerter Beginndauert länger als früherHaltebänder überdehnt, Harnröhre wird nicht geöffnet
Pressen beim WasserlassenBauchpresse nötigfehlender Gegenhalt der Bänder
Zurückschieben der Scheide nötigmit den Fingern, um zu entleerenSenkung der vorderen Wand, Abknickung
Gefühl der unvollständigen Entleerungkurz danach erneut DrangRestharn
Wiederkehrende Harnwegsinfektemehr als zwei im halben JahrRestharn als Nährboden

Die Abklärung

Der wichtigste Schritt ist, überhaupt danach zu fragen. Zur Abklärung gehören:

  • Ein Miktionsprotokoll über zwei bis drei Tage
  • Harnstrahlmessung und Restharnbestimmung im Ultraschall
  • Eine Urinuntersuchung
  • Eine urogynäkologische Untersuchung, auch unter starkem Pressen

Bleibt der Befund unklar, folgt eine Blasendruckmessung. Sie unterscheidet, ob der Blasenmuskel zu schwach ist oder der Abfluss behindert wird. Das ist die entscheidende Frage, denn beides wird völlig verschieden behandelt.

Abzugrenzen sind eine Harnröhrenenge, ein Harnröhrendivertikel, neurologische Erkrankungen, Nebenwirkungen von Medikamenten, etwa mit anticholinerger Wirkung, sowie Zustände nach Bandeinlage gegen Belastungsinkontinenz, bei denen das Band zu straff liegen kann.

Behandlung

Ohne Operation stehen Beckenbodenphysiotherapie mit gezielter Entspannungsschulung, Toilettenverhalten mit ausreichender Zeit und aufrechter Haltung, das Absetzen begünstigender Medikamente, lokale Östrogene nach den Wechseljahren und, bei relevantem Restharn, der Selbstkatheterismus als Überbrückung zur Verfügung. Ein Pessar kann die Senkung anheben und zeigt zugleich, ob sich die Entleerung dadurch bessert; das ist ein guter Test vor einer Operationsentscheidung.

Führt die Senkung nachweislich zur Entleerungsstörung, kann die Rekonstruktion beides beheben: die Senkung und die Beschwerden beim Wasserlassen. Welches Verfahren infrage kommt, richtet sich nach dem betroffenen Anteil und wird individuell besprochen. Ein wichtiger Hinweis für die Aufklärung: Nach jeder Senkungsoperation kann sich eine bis dahin verdeckte Belastungsinkontinenz zeigen, weil die Abknickung wegfällt, die den Urin bisher zurückgehalten hat. Darüber sollte vorher gesprochen werden.

Wenn Sie beim Wasserlassen die Scheide mit den Fingern zurückschieben müssen, damit die Blase leer wird, erzählen Sie das bitte Ihrem Arzt. Viele Frauen halten es für peinlich oder für einen persönlichen Trick. Für die Ärztin oder den Arzt ist es einer der klarsten Hinweise auf die Ursache.
Fragen an meinen Arzt

Diese Fragen helfen, das Gespräch zu strukturieren. Über die Druckfunktion können Sie die Liste mitnehmen.

Wie viel Restharn habe ich?
Ist meine Senkung an der Entleerungsstörung beteiligt?
Würde ein Pessar zeigen, ob sich die Entleerung durch das Anheben bessert?
Kommen meine Medikamente als Ursache infrage?
Wenn operiert wird: Was passiert mit einer möglichen Belastungsinkontinenz danach?
Wie oft und wie lange sollte der Restharn nach der Behandlung kontrolliert werden?

Häufige Fragen

Ich habe seit Jahren wiederkehrende Blasenentzündungen. Kann das damit zusammenhängen?

Ja. Restharn ist einer der wichtigsten Gründe für wiederkehrende Infekte, weil zurückbleibender Urin Bakterien einen Nährboden bietet. Wird die Entleerung verbessert, gehen die Infekte bei vielen Frauen deutlich zurück.

Muss ich mich selbst katheterisieren?

Nur, wenn der Restharn hoch ist und andere Maßnahmen nicht ausreichen. Der Selbstkatheterismus ist dann meist eine Überbrückung, bis die Ursache behandelt ist, und wird in der Praxis oder Klinik in Ruhe angeleitet.

Kann eine Senkungsoperation die Entleerung auch verschlechtern?

Das kommt vor, vor allem wenn zugleich ein Band gegen Belastungsinkontinenz eingelegt wird und zu straff liegt. Deshalb gehören Restharnkontrollen zur Nachsorge, und deshalb wird heute zurückhaltender kombiniert als früher.

Warum wurde bei mir bisher nie danach gefragt?

Weil Entleerungsstörungen bei Frauen lange als Randerscheinung galten. Das ändert sich gerade: Mehrere Arbeiten der letzten Jahre zeigen, wie häufig sie sind und wie oft die Senkung dabei eine Rolle spielt.

Quellen

Leitlinien

• Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Leitlinie Weiblicher Descensus genitalis, Diagnostik und Therapie. AWMF-Registernummer 015-006.

• European Association of Urology. EAU Guidelines on Non-neurogenic Female Lower Urinary Tract Symptoms. Ausgabe 2024.

Studien

• Himmler M, Kohl M, Rakhimbayeva A, Witczak M, Yassouridis A, Liedl B. Symptoms of voiding dysfunction and other coexisting pelvic floor dysfunctions: the impact of transvaginal, mesh-augmented sacrospinous ligament fixation. International Urogynecology Journal 2021;32(10):2777-2786. PMID 33502548

• Liedl B, Goeschen K, Sutherland SE et al. Can surgical reconstruction of vaginal and ligamentous laxity cure overactive bladder symptoms in women with pelvic organ prolapse? BJU International 2019;123(3):493-510. PMID 28306603

• Liedl, B. et al. Repair of pelvic organ prolapse can cure symptoms of bladder outlet obstruction. Neurourology and Urodynamics 2025;44:1392-1393.

Reviews

• Petros, P. et al. Etiopathogenesis of bladder outlet obstruction in the female. Urologia Internationalis 2025 (Vorabveröffentlichung).

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Nächste Schritte

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Zwei bis drei Tage notieren. Die wichtigste Vorbereitung auf das Gespräch.
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