Anticholinergika, genauer Antimuskarinika, sind Medikamente, die die Wirkung des Botenstoffs Acetylcholin am Blasenmuskel hemmen und so ungewollte Kontraktionen dämpfen. Sie sind seit Jahrzehnten die Standardmedikamente bei überaktiver Blase und Dranginkontinenz. Wirkstoffe sind Oxybutynin, Tolterodin, Trospium, Solifenacin, Darifenacin, Fesoterodin und Propiverin.
Wirkung: Die Blase wird ruhiger, der Drang schwächer, die Abstände zwischen den Toilettengängen länger, die Kapazität größer. Im Mittel sinkt die Zahl der Drangepisoden um etwa ein Drittel, die Inkontinenzepisoden halbieren sich. Die volle Wirkung stellt sich nach zwei bis vier Wochen ein. Die Wirkstoffe unterscheiden sich weniger in der Wirksamkeit als in den Nebenwirkungen und der Einnahmehäufigkeit.
Nebenwirkungen: Mundtrockenheit bei bis zu einem Drittel, Verstopfung, verschwommenes Sehen, Müdigkeit, Herzrasen, Restharn. Die wichtigste Sorge betrifft ältere Menschen: Wirkstoffe, die ins Gehirn gelangen, vor allem Oxybutynin, können Gedächtnis und Konzentration verschlechtern und sind mit einem erhöhten Demenzrisiko in Verbindung gebracht worden. Trospium passiert die Blut-Hirn-Schranke nicht und wird bei älteren Patienten bevorzugt. Nicht erlaubt bei Engwinkelglaukom, schwerer Verstopfung und bei Restharn ohne Katheterismus.
Alternativen und Kombination: Mirabegron und Vibegron wirken über einen anderen Weg, die Beta-3-Rezeptoren, machen keinen trockenen Mund und keine Gedächtnisprobleme, können aber den Blutdruck erhöhen. Beide Gruppen lassen sich kombinieren, was besser wirkt als jede allein. Bleibt der Erfolg nach zwei bis drei Monaten aus, sind Botulinumtoxin in die Blase oder die sakrale Neuromodulation die nächsten Stufen. Etwa die Hälfte der Patienten setzt Anticholinergika innerhalb eines Jahres wegen Nebenwirkungen oder fehlender Wirkung ab.