Niere

Nierenzellkarzinom (Nierenkrebs)

Nierenzellkarzinom: warum die Mehrzahl zufällig entdeckt wird, wann organerhaltend operiert werden kann und wie fortgeschrittene Stadien heute behandelt werden.
Redaktion: UroWissen
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Erstellt nach Leitlinien von EAU und DGU
In einfachen WortenNierenkrebs entsteht aus den Zellen, die den Urin filtern. Er macht lange keine Beschwerden, weil die Niere viel Platz hat und der Tumor eine Weile wachsen kann, ohne zu stören.Weiterlesen

Deshalb wird er heute meist zufällig gefunden, bei einer Ultraschall- oder Schnittbilduntersuchung, die aus einem ganz anderen Grund gemacht wurde. Das ist eine gute Nachricht, denn zufällig entdeckte Tumoren sind oft klein und gut behandelbar.

Kleine Tumoren werden herausgeschnitten, während der Rest der Niere erhalten bleibt. Das schont die Nierenfunktion und ist heute der Regelfall. Nur bei großen oder ungünstig gelegenen Tumoren wird die ganze Niere entfernt.

Nierenkrebs spricht kaum auf klassische Chemotherapie an. Bei fortgeschrittener Erkrankung wirken stattdessen Medikamente, die die Blutversorgung des Tumors drosseln, sowie Mittel, die das eigene Abwehrsystem gegen den Tumor richten.

Wann Sie ärztlichen Rat brauchen

  • Sichtbares Blut im Urin
  • Anhaltender Schmerz in der Flanke
  • Ungewollter Gewichtsverlust oder anhaltendes Fieber ohne Grund
  • Ein Bein schwillt an, dazu Atemnot

Der letzte Punkt kann auf eine Thrombose hinweisen. Sie kommt bei Nierentumoren häufiger vor und sollte sofort abgeklärt werden.

Überblick

Das Nierenzellkarzinom (NZK, im englischen Sprachraum Renal Cell Carcinoma, RCC) ist mit rund 15.000 Neudiagnosen pro Jahr die dritthäufigste urologische Krebserkrankung in Deutschland. Männer sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Frauen, der Altersgipfel liegt zwischen 60 und 70 Jahren. In über 60 Prozent der Fälle wird der Tumor als Zufallsbefund in der Bildgebung entdeckt, meist im Rahmen einer Sonografie oder eines CTs aus ganz anderem Anlass. Die meisten Nierentumoren verursachen in frühen Stadien keine Symptome.

15.000
Neudiagnosen/Jahr (DE)
2:1
Männer zu Frauen
über 60 Prozent
Zufallsbefund
75 bis 80 Prozent
Klarzellig

Die klassische Trias aus Flankenschmerz, tastbarem Tumor und Hämaturie tritt nur bei 6 bis 10 Prozent der Patienten auf und spricht dann meist für ein bereits fortgeschrittenes Stadium. Die historisch schlechte Prognose des Nierenkrebses hat sich in den letzten Jahren fundamental gewandelt: Dank Immuntherapie-Kombinationen und zielgerichteter Therapie sind heute auch beim metastasierten Nierenzellkarzinom Langzeitremissionen und sogar Komplettremissionen möglich, ein Szenario, das vor zehn Jahren noch undenkbar war.

Interessant: Über 60 Prozent aller Nierentumoren werden heute zufällig entdeckt, in CT- oder MRT-Untersuchungen, die aus ganz anderem Anlass durchgeführt wurden, etwa zur Abklärung von Bauchschmerzen oder im Rahmen eines Trauma-Scans. Diese Verschiebung weg von der symptomatischen Diagnose hin zum Zufallsbefund hat die durchschnittliche Tumorgröße bei Diagnose deutlich gesenkt und die Prognose dramatisch verbessert. Ironischerweise verdankt die Nieren-Onkologie ihren wichtigsten Fortschritt nicht einer neuen Vorsorge, sondern der allgemein häufigeren Bauch-Bildgebung in der Notfall- und Routinediagnostik.
Tabakwaren
Rauchen verdoppelt das Risiko für Nierenkrebs. Nach dem Aufhören sinkt es über Jahre wieder ab, erreicht aber nicht ganz das Niveau von Nierauchern.
Illustration: Servier Medical Art, lizenziert unter CC BY 4.0.
12.323
Nierenteilresektionen gegenüber 7.770 vollständigen Entfernungen
So häufig im Krankenhaus
Auf drei vollständige Entfernungen der Niere kommen damit etwa fünf organerhaltende Eingriffe. Teilresektionen erfolgten zu 74 Prozent minimalinvasiv, radikale Entfernungen zu 53 Prozent.
Stationäre Fälle der Fachabteilung Urologie 2025. Ambulante Behandlungen und andere Fachabteilungen sind nicht enthalten. Quelle: Urologie in Zahlen

Risikofaktoren und Histologie

Gesichert sind fünf Risikofaktoren:

  • Rauchen: etwa 1,5-fach erhöhtes Risiko, abhängig von der Menge
  • Übergewicht: ein BMI über 30 verdoppelt das Risiko, über 35 verdreifacht es
  • Bluthochdruck: wirkt unabhängig von den anderen Faktoren
  • Chronische Nierenschwäche
  • Zystennieren unter Dialyse: bis zu 30-fach erhöhtes Risiko

Bei 3 bis 5 Prozent der Betroffenen häuft sich die Erkrankung in der Familie. Bei jüngeren Patienten oder Tumoren in beiden Nieren gehört deshalb eine genetische Abklärung dazu.

Histologisch unterscheidet man drei Hauptsubtypen, deren Biologie und Prognose sich deutlich unterscheiden. Das klarzellige Nierenzellkarzinom macht 75 bis 80 Prozent aller Fälle aus. Es ist durch den Verlust des VHL-Gens charakterisiert, was zu einer Überexpression von HIF und VEGF führt, daher die typisch starke Tumorvaskularisation, die im CT sehr früh in der arteriellen Phase ein deutliches Enhancement zeigt. Genau diese Vaskularisation ist auch der biologische Grund, warum Anti-Angiogenese-Therapien wie TKIs (Tyrosinkinase-Inhibitoren) so wirksam sind. Das papilläre NZK (10 bis 15 Prozent) wird in Typ 1 (gute Prognose, oft hereditär bei MET-Mutation) und Typ 2 (deutlich aggressiver, FH-Gen-assoziiert) unterteilt. Das chromophobe NZK (5 Prozent) hat unter den drei Hauptformen die beste Prognose und metastasiert nur sehr selten.

Symptome

Frühe Nierentumoren sind klinisch stumm, das ist der Hauptgrund, warum sie meist nur zufällig entdeckt werden. Wenn Symptome auftreten, deutet das fast immer auf ein bereits fortgeschrittenes Stadium hin. Die klassische Trias aus Flankenschmerz, tastbarem Tumor und Makrohämaturie ist nur bei 6 bis 10 Prozent der Patienten vollständig vorhanden.

Häufiger sind unspezifische Zeichen:

  • Ungewollter Gewichtsverlust, Müdigkeit, Blutarmut
  • Anhaltendes Fieber ohne erkennbaren Grund
  • Eine plötzlich auftretende Varikozele, meist links. Sie entsteht, wenn der Tumor die Vene staut.
  • Neu aufgetretene Knochenschmerzen als Hinweis auf eine Metastase

Auch eine schmerzlose Mikro- oder Makrohämaturie kann hinweisend sein, ist aber nicht das Leitsymptom wie beim Blasenkrebs; sichtbares Blut im Urin verlangt deshalb immer auch eine bildgebende Beurteilung der oberen Harnwege, nicht nur eine Zystoskopie.

Sofort zum Arzt bei: sichtbarem Blut im Urin (auch einmalig und schmerzlos), neu aufgetretenen, anhaltenden Flankenschmerzen ohne Kolik-Charakter, einem tastbaren Knoten im Bauchraum, ungewolltem Gewichtsverlust mit Nachtschweiß, neu aufgetretener Varikozele beim erwachsenen Mann (vor allem rechtsseitig oder beidseitig, immer abklärungspflichtig) oder bei Knochenschmerzen mit gleichzeitig erhöhten Calciumwerten im Blut. Diese Konstellationen können Hinweise auf ein bereits fortgeschrittenes Nierenzellkarzinom sein.

Diagnostik

Die meisten Nierentumoren werden heute in der Sonografie oder im CT als Zufallsbefund entdeckt. Eine echte Vorsorge gibt es für das Nierenzellkarzinom nicht, es gibt kein Screening-Programm vergleichbar mit dem PSA-Test. Wird ein verdächtiger Befund gefunden, erfolgt die weitere Abklärung durch eine kontrastmittelverstärkte CT oder MRT: Nierentumoren zeigen typischerweise ein deutliches Enhancement in der arteriellen Phase und ein Auswaschen in der venösen Phase, das sogenannte „Wash-out“. Die CT bestimmt Tumorgröße, Lage relativ zum Nierenhilus, Infiltrationstiefe (Nierenvene? Vena cava? Nebenniere?), Lymphknotenstatus und Fernmetastasen in Lunge, Knochen und Leber.

Eine Biopsie vor der Operation ist bei kleinen Tumoren unter 4 cm zunehmend üblich, um die Dignität zu klären, in 20 bis 30 Prozent der operierten kleinen Tumoren handelt es sich um gutartige Befunde wie Onkozytome oder Angiomyolipome. Das spart einem relevanten Anteil der Patienten einen unnötigen Eingriff. Bei eindeutiger Bildgebung und klarer Operationsindikation kann auf die Biopsie verzichtet werden. Eine PSMA-PET/CT spielt beim Nierenzellkarzinom, im Gegensatz zum Prostatakarzinom, nur eine untergeordnete Rolle; bei klarzelligen NZK kann eine FDG-PET zur Rezidiv- und Metastasensuche eingesetzt werden.

Therapieentscheidung im Überblick

Die Wahl der Therapie hängt vor allem von der Tumorgröße, der Lage relativ zum Nierenhilus und der Frage ab, ob bereits Metastasen vorliegen. Der folgende Algorithmus zeigt das Vorgehen nach EAU-Leitlinie 2025 und der deutschen S3-Leitlinie:

Nierentumor in CT/MRT Größe + Lage + Staging ≤ 4 cm (cT1a) Partielle Nephrektomie ggf. Biopsie zuvor / AS 4 bis 7 cm (cT1b bis T2) Partielle wenn machbar sonst radikal über 7 cm / Thrombus Radikale Nephrektomie + ggf. Thrombektomie Nierenerhaltend Roboter-RAPN Ischämie unter 25 min 5-JÜR über 95 Prozent Onkologisch gleichwertig Adjuvant prüfen Pembrolizumab 1 Jahr bei pT3/4 oder pN+ KEYNOTE-564 DFS-Vorteil signifikant Bei Metastasen IMDC-Risiko-Stratifikation IO + TKI-Kombination Pembro+Lenva / Nivo+Cabo Komplettremissionen möglich Lebenslange Nachsorge: Spätrezidive möglich CT halbjährlich 5 J. · jährlich Kreatinin · RR · Proteinurie

Therapie des lokalisierten Nierenzellkarzinoms

Bei Tumoren bis 4 cm (pT1a) ist die partielle Nephrektomie (Nierenteilresektion, NSS, nephron-sparing surgery) der unangefochtene Standard. Sie ist onkologisch gleichwertig mit der radikalen Nephrektomie, erhält aber maximal viel funktionsfähiges Nierengewebe, ein entscheidender Vorteil, weil eine GFR-Reduktion langfristig das kardiovaskuläre Risiko und die Mortalität erhöht. Der Eingriff erfolgt heute überwiegend roboterassistiert (RAPN, Robot-Assisted Partial Nephrectomy) mit kurzer warmer Ischämiezeit (Ziel: unter 25 Minuten). Die roboterassistierte Technik hat die offene Operation in den meisten Zentren weitgehend abgelöst.

Bei Tumoren von 4 bis 7 cm (pT1b) wird die partielle Nephrektomie weiterhin empfohlen, sofern sie technisch machbar ist, Tumorgröße allein ist keine Kontraindikation. Entscheidend sind Lage, Komplexität (RENAL- oder PADUA-Score) und Erfahrung des Operateurs. Bei Tumoren über 7 cm oder lokaler Ausdehnung (pT2 bis pT3) wird meist eine radikale Nephrektomie durchgeführt. Wächst der Tumor als Zapfen in die Nierenvene oder die untere Hohlvene, wird dieser Zapfen mitentfernt, die sogenannte Thrombektomie.

Reicht er bis zum rechten Herzvorhof, operieren Urologie und Herzchirurgie gemeinsam, mit Herz-Lungen-Maschine. Das ist aufwendig, aber es lohnt sich: Wenn keine Fernmetastasen vorliegen, leben nach fünf Jahren noch 40 bis 65 Prozent der Operierten.

Adjuvant wird Pembrolizumab für ein Jahr bei Hochrisikopatienten (pT3/T4 oder pN+) empfohlen. Die KEYNOTE-564-Studie zeigte einen signifikanten Vorteil im krankheitsfreien Überleben mit OS-Trend. Bei kleinen Tumoren bei Komorbidität, Hochbetagten oder Patienten mit Einzelniere ist Active Surveillance mit engmaschiger CT-Kontrolle eine medizinisch vertretbare Option, nicht jeder Tumor muss bei jedem Patienten sofort behandelt werden.

Bei der partiellen Nephrektomie wird gezielt der Tumor entfernt, während so viel gesundes Nierengewebe wie möglich erhalten bleibt. Erklärt von Dr. med. Georg Schön, Chefarzt an der Urologischen Klinik München-Planegg.

Therapie des metastasierten Nierenzellkarzinoms

Welche Therapie infrage kommt, richtet sich nach dem IMDC-Risiko. Dafür werden sechs Punkte geprüft, drei zum Zustand und drei aus dem Labor:

  • Der Allgemeinzustand ist eingeschränkt (Karnofsky-Index unter 80 Prozent)
  • Zwischen Diagnose und Therapiebeginn liegt weniger als ein Jahr
  • Der Blutfarbstoff Hämoglobin ist erniedrigt
  • Das Calcium im Blut ist erhöht
  • Die neutrophilen Granulozyten sind erhöht
  • Die Blutplättchen sind erhöht

Je nachdem, wie viele Punkte zutreffen, ergibt sich eine von drei Risikogruppen. Sie unterscheiden sich in der Prognose deutlich und führen zu unterschiedlichen Therapieempfehlungen.

IMDC günstig (0 Faktoren)
Medianes OS etwa 43 Monate
IMDC intermediär (1 bis 2 Faktoren)
Medianes OS etwa 23 Monate
IMDC ungünstig (3 bis 6 Faktoren)
Medianes OS etwa 8 Monate
4-Jahres-OS mit IO-Kombination heute 50 Prozent (historisch unter 10 Prozent)

In der Erstlinie sind vier Kombinationen zugelassen:

  • Pembrolizumab und Axitinib (Studie KEYNOTE-426)
  • Nivolumab und Cabozantinib (CheckMate 9ER)
  • Pembrolizumab und Lenvatinib (CLEAR). Hier sprechen mit 71 Prozent die meisten Patienten an.
  • Nivolumab und Ipilimumab (CheckMate 214). Nur bei mittlerem und ungünstigem Risiko zugelassen, dafür verschwindet der Tumor hier am häufigsten vollständig, bei 11 Prozent.

Welche Kombination infrage kommt, hängt von der Risikogruppe, den Begleiterkrankungen und den zu erwartenden Nebenwirkungen ab. Die Entscheidung fällt im Tumorboard, also in der gemeinsamen Runde mehrerer Fachrichtungen.

Bei Versagen der Erstlinie kommen TKI-Monotherapien (bevorzugt Cabozantinib), mTOR-Inhibitoren (Everolimus) und bei VHL-assoziierten Tumoren der HIF-2α-Inhibitor Belzutifan zum Einsatz, seit 2024 in Deutschland zugelassen für VHL-Patienten mit Nierenzellkarzinomen, die keine sofortige Operation erfordern. Die Rolle der zytoreduktiven Nephrektomie wird heute differenzierter gesehen: Bei IMDC-günstigem Risiko und wenig Metastasen weiterhin empfohlen, bei hoher Tumorlast oder ungünstigem IMDC-Risiko hat die CARMENA-Studie gezeigt, dass die alleinige Systemtherapie nicht unterlegen ist.

Paraneoplastische Syndrome

Das Nierenzellkarzinom ist für seine vielfältigen paraneoplastischen Syndrome bekannt, mehr als jeder andere urologische Tumor. Der Tumor bildet Botenstoffe, die im ganzen Körper wirken. Häufig sind:

  • Erhöhtes Kalzium im Blut, ausgelöst durch ein Eiweiß, das dem Parathormon ähnelt
  • Zu viele rote Blutkörperchen, weil der Tumor selbst Erythropoetin bildet
  • Gestörte Leberwerte ohne Lebermetastasen, das Stauffer-Syndrom. Es normalisiert sich nach der Operation.
  • Bluthochdruck, weil der Tumor Renin produziert
  • Amyloidose und Fieber ohne erkennbare Ursache

Diese Syndrome können das erste klinische Zeichen eines Nierentumors sein und bilden sich nach erfolgreicher Tumorresektion in der Regel zurück. Ihr Wiederauftreten in der Nachsorge kann ein Hinweis auf ein Rezidiv sein, lange bevor es bildgebend nachweisbar wird.

Besondere Situationen

Bilateraler Nierentumor: tritt in 2 bis 4 Prozent der Fälle auf, häufiger bei hereditären Syndromen wie VHL. Eine bilaterale partielle Nephrektomie wird angestrebt, um die Dialysepflicht zu vermeiden. An erfahrenen Zentren mit Roboterchirurgie sind gute Ergebnisse auch bei komplexen bilateralen Tumoren möglich. Bei unvermeidlicher Einzelniere nach Tumornephrektomie ist eine lebenslange nephrologische Mitbetreuung Pflicht: Kreatinin, GFR, Blutdruck und Proteinurie mindestens jährlich, nephroprotektive Medikamente bei Bedarf, Verzicht auf NSAR-Dauereinnahme.

Nierentumor als Zufallsbefund: über 60 Prozent der Nierentumoren werden zufällig entdeckt. Nicht jeder Zufallsbefund ist bösartig: In 20 bis 30 Prozent der operierten kleinen Tumoren handelt es sich um gutartige Befunde wie Onkozytome oder Angiomyolipome. Eine Biopsie kann bei kleinen Tumoren klären, ob eine Operation überhaupt nötig ist, das erspart einem relevanten Anteil der Patienten einen unnötigen Eingriff. Bei unklarer Dignität und kleinem Tumor kommt auch Active Surveillance mit engmaschiger Bildgebung in Frage, vor allem bei älteren oder komorbiden Patienten.

Tumorthrombus in der Vena cava: in 4 bis 10 Prozent der Fälle wächst der Tumor als Zapfen in die Nierenvene und bis in die Vena cava inferior (IVC-Thrombus). Die Ausdehnung wird in vier Stufen eingeteilt: Nierenvene (Level 0 bis I), infrahepatische IVC (Level II), retrohepatische IVC (Level III) und supradiaphragmaler Thrombus bis in den rechten Vorhof (Level IV). Die chirurgische Thrombektomie ist anspruchsvoll, aber bei Fehlen von Fernmetastasen kurativ. Bei supradiaphragmalem Zapfen erfolgt der Eingriff in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit der Herzchirurgie unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine.

Erbliche Nierenzellkarzinome

Etwa 3 bis 5 Prozent aller Nierenzellkarzinome sind erblich bedingt. Das Von-Hippel-Lindau-Syndrom (VHL) ist die häufigste hereditäre Form: eine autosomal-dominante Keimbahnmutation im VHL-Gen, oft bilaterale und multifokale klarzellige Tumoren bereits in jungen Jahren (mittleres Diagnosealter 39 Jahre versus 64 Jahre bei sporadischem NZK). Weitere hereditäre Formen sind das hereditäre papilläre RCC (MET-Mutation, Typ-1-Tumoren, oft bilateral), das Birt-Hogg-Dubé-Syndrom (FLCN-Gen, chromophobe und hybride Tumoren) und die hereditäre Leiomyomatose mit RCC (FH-Gen, aggressive Typ-2-papilläre Tumoren).

An ein hereditäres Syndrom gedacht werden sollte bei Diagnose unter 46 Jahren, bilateralem oder multifokalem Tumor, positiver Familienanamnese, oder beim Auftreten in Kombination mit anderen typischen Tumoren (etwa Hämangioblastomen des Zentralnervensystems bei VHL). Die genetische Beratung und Keimbahn-Testung ermöglicht dann nicht nur eine angepasste Therapie, sondern auch eine frühzeitige Überwachung der Familienangehörigen.

Nachsorge

Die Nachsorge umfasst CT-Kontrollen des Thorax und Abdomens halbjährlich für fünf Jahre, danach jährlich. Eine wichtige Besonderheit des Nierenzellkarzinoms sind Spätrezidive: auch nach mehr als zehn Jahren können Metastasen auftreten, vor allem in der Lunge. Deshalb wird eine lebenslange, wenn auch dünner gestaffelte Nachsorge empfohlen.

Nach Nephrektomie zusätzlich: jährliche Kontrolle von Kreatinin, GFR, Blutdruck und Proteinurie als Einzelnieren-Monitoring. Nephroprotektive Maßnahmen umfassen die konsequente Blutdruckeinstellung (Zielwert unter 130/80 mmHg), den Verzicht auf NSAR-Dauereinnahme, eine moderate Salzrestriktion und, bei Proteinurie: einen ACE-Hemmer oder AT1-Blocker. Kontaktsportarten mit Verletzungsrisiko der verbleibenden Niere sollten vermieden werden, alltägliche Aktivität und Ausdauersport sind unbeschränkt möglich und werden nephrologisch sogar empfohlen.

Prognose

Bei organbegrenzter Erkrankung liegt die 5-Jahres-Überlebensrate bei 70 bis 95 Prozent, abhängig von Stadium und Grading. Beim metastasierten NZK hat sich die Prognose durch Immuntherapie-Kombinationen dramatisch verbessert: Die 4-Jahres-Überlebensrate liegt heute bei 50 Prozent in der intermediären und ungünstigen IMDC-Risikogruppe, historisch lag sie unter 10 Prozent. Komplettremissionen treten in 10 bis 15 Prozent auf, ein Teil davon ist dauerhaft. Damit ist das Nierenzellkarzinom zu einem der eindrucksvollsten Beispiele für den Fortschritt durch Immuntherapie geworden.

Für Patienten: Nierenkrebs ist auch im fortgeschrittenen Stadium dank moderner Therapien eine behandelbare Erkrankung. Die Behandlung sollte an einem zertifizierten urologischen Tumorzentrum erfolgen, da die Therapiewahl komplex ist und stark von individuellen Faktoren abhängt. Holen Sie sich bei der Therapieentscheidung in der metastasierten Situation ruhig eine Zweitmeinung ein, das ist Kassenleistung. Und bleiben Sie in der Nachsorge, auch nach vielen Jahren: Spätrezidive sind beim Nierenkrebs eine reale Möglichkeit, aber bei früher Erkennung gut behandelbar.
Fragen an meinen Arzt

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Kann der Tumor organerhaltend entfernt werden?
Ist eine Biopsie vor der Operation sinnvoll?
Welches Stadium liegt vor, und ist eine Nachbehandlung nötig?
Wie viele Nierentumoroperationen führt die Klinik im Jahr durch?
Wie wird meine Nierenfunktion danach sein?
Welche Nachsorge ist geplant?

Häufige Fragen (FAQ)

Kann man mit nur einer Niere normal leben?

Ja. Die verbleibende Niere kompensiert durch Hypertrophie und übernimmt die Funktion weitgehend. Die GFR sinkt initial um etwa 25 bis 30 Prozent, stabilisiert sich dann aber. Wichtig sind die regelmäßige Blutdruckkontrolle (Zielwert unter 130/80), jährliche Prüfung der Nierenfunktion (Kreatinin, GFR, Proteinurie), Verzicht auf nephrotoxische Medikamente wie NSAR-Dauereinnahme und Vermeidung von Kontaktsportarten mit Verletzungsrisiko. Ausdauersport und ein normales Leben sind uneingeschränkt möglich.

Muss bei Nierenkrebs immer die ganze Niere entfernt werden?

Nein. Bei Tumoren bis 7 cm ist die partielle Nephrektomie heute der Standard, der Tumor wird mit Sicherheitsrand entfernt, die restliche Niere bleibt erhalten. Auch bei größeren Tumoren prüft der Operateur immer, ob ein nierenerhaltender Eingriff technisch möglich ist. Nur bei sehr großen oder zentral gelegenen Tumoren oder bei Tumorzapfen in der Nierenvene ist die radikale Nephrektomie erforderlich. Die Nierenfunktion zu erhalten ist langfristig wichtig für Herz-Kreislauf und Lebenserwartung.

Wie wird Nierenkrebs entdeckt? Gibt es eine Vorsorge?

In über 60 Prozent als Zufallsbefund bei einer Sonografie, einem CT oder MRT, das aus ganz anderem Anlass durchgeführt wurde, etwa zur Abklärung von Bauchschmerzen oder im Rahmen der allgemeinen Bildgebung. Es gibt kein Screening-Programm vergleichbar mit dem PSA-Test beim Prostatakrebs. Symptome wie Flankenschmerz, sichtbares Blut im Urin oder ein tastbarer Knoten treten meist erst in fortgeschrittenen Stadien auf. Bei familiärer Häufung ist eine genetische Beratung sinnvoll.

Wie hoch ist die Überlebensrate beim Nierenzellkarzinom?

Bei organbegrenzter Erkrankung liegt die 5-Jahres-Überlebensrate je nach Stadium und Grading zwischen 70 und 95 Prozent. Auch beim metastasierten Nierenzellkarzinom hat sich die Prognose dank moderner Immuntherapie-Kombinationen dramatisch verbessert: Die 4-Jahres-Überlebensrate liegt heute bei etwa 50 Prozent in der intermediären und ungünstigen IMDC-Risikogruppe, historisch lag sie unter 10 Prozent. Komplettremissionen treten in 10 bis 15 Prozent auf.

Ist Nierenkrebs erblich? Sollte sich meine Familie testen lassen?

Etwa 3 bis 5 Prozent aller Nierenzellkarzinome sind erblich bedingt. Eine genetische Beratung ist sinnvoll bei Erkrankung vor dem 46. Lebensjahr, bilateralem oder multifokalem Tumor, positiver Familienanamnese oder typischen Begleitbefunden (Hämangioblastome bei VHL, Hautläsionen bei Birt-Hogg-Dubé). Wird eine Keimbahnmutation gefunden, sollten erstgradige Verwandte genetisch beraten werden, frühe Überwachung mit jährlicher Bildgebung ermöglicht die Entdeckung kleiner Tumoren in heilbaren Stadien.

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Quellen

Leitlinien

• European Association of Urology. EAU Guidelines on Renal Cell Carcinoma. Ausgabe 2025. uroweb.org

• Leitlinienprogramm Onkologie. S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Nierenzellkarzinoms. AWMF-Registernummer 043-017OL. leitlinienprogramm-onkologie.de

Studien

• Choueiri, T. K. et al. (2024). Adjuvant pembrolizumab after nephrectomy in renal-cell carcinoma (KEYNOTE-564): final overall survival analysis. New England Journal of Medicine, 390, 1359 bis 1371. PMID 33657295

• Motzer, R. J. et al. (2018). Nivolumab plus ipilimumab versus sunitinib in advanced renal-cell carcinoma (CheckMate 214). New England Journal of Medicine, 378(14), 1277-1290. Fünfjahresdaten: Motzer, R. J. et al. (2022). Lancet Oncology, 23(7), 888-898. PMID 29562145

• Motzer, R. J. et al. (2021). Lenvatinib plus pembrolizumab or everolimus for advanced renal cell carcinoma (CLEAR). New England Journal of Medicine, 384(14), 1289-1300. PMID 33616314

• Choueiri, T. K. et al. (2021). Nivolumab plus cabozantinib versus sunitinib for advanced renal-cell carcinoma (CheckMate 9ER). New England Journal of Medicine, 384, 829 bis 841. PMID 33657295

• Méjean, A. et al. (2018). Sunitinib alone or after nephrectomy in metastatic renal-cell carcinoma (CARMENA). New England Journal of Medicine, 379, 417 bis 427. PMID 29860937

• Iliopoulos, O. et al. (2024). Belzutifan for patients with von Hippel-Lindau disease-associated CNS haemangioblastomas (LITESPARK-004): a multicentre, single-arm, phase 2 study. Lancet Oncology, 25(10), 1325-1336. PMID 39284337

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