Typisch ist ein Schmerz, der schwer zu zeigen ist: tief im Becken, am Damm, manchmal in den Hoden oder in der Scheide, oft beim Sitzen stÀrker. Untersuchungen finden hÀufig nichts, und genau das verunsichert zusÀtzlich.
Das heiĂt nicht, dass der Schmerz eingebildet ist. Muskelverspannung und gereizte Nerven sind auf Bildern nicht sichtbar, aber tastbar und behandelbar.
Was Sie tun: Beckenbodenphysiotherapie mit Entspannungsschulung ist der wichtigste Schritt, nicht Training auf Kraft. Bei Taubheit im Genital- oder GesĂ€Ăbereich oder wenn plötzlich Urin oder Stuhl abgehen, sofort in die Notaufnahme.
Erst durchatmen: Wer seit Monaten Schmerzen im Becken, am Damm oder im Unterbauch hat und immer wieder hört, es sei nichts zu finden, steht nicht allein da. Chronischer Beckenschmerz ist eines der hÀufigsten und zugleich am schlechtesten verstandenen Krankheitsbilder der Urologie. Dieser Artikel erklÀrt, was dahintersteckt, warum Antibiotika meist nicht helfen und welche Behandlung heute empfohlen wird.
Von chronischem Beckenschmerz spricht man, wenn Schmerzen im Becken, am Damm, in den Genitalien, in der Blase oder im Unterbauch lĂ€nger als sechs Monate bestehen und sich weder eine Infektion noch ein Tumor noch eine andere eindeutige Ursache finden lĂ€sst. Die EuropĂ€ische Gesellschaft fĂŒr Urologie fasst diese Beschwerden als Chronic Pelvic Pain Syndrome zusammen. Beim Mann hieĂ das frĂŒher chronische Prostatitis, bei der Frau wird oft jahrelang zwischen GynĂ€kologie, Urologie und Gastroenterologie gependelt, bevor jemand an den Beckenboden denkt.
Gemeinsam ist vielen Betroffenen ein langer Weg: mehrere Antibiotikakuren ohne Erregernachweis, Blasenspiegelung, Ultraschall, MRT, alles unauffÀllig. Der Schmerz bleibt. Das liegt nicht daran, dass er eingebildet wÀre, sondern daran, dass er selten aus einem einzelnen Organ kommt, sondern aus dem Zusammenspiel von Muskeln, BÀndern, Nerven und Schmerzverarbeitung.
Der Beckenboden ist eine mehrschichtige Muskelplatte, die das Becken nach unten abschlieĂt. Durch sie hindurch treten Harnröhre, bei der Frau die Scheide und der Enddarm. Die Muskeln halten die Organe, verschlieĂen die AusgĂ€nge, entspannen sich beim Wasserlassen und Stuhlgang und sind an Erektion, Orgasmus und Samenerguss beteiligt. Versorgt werden sie vom Nervus pudendus, der in einem engen Kanal seitlich am Sitzbein entlanglĂ€uft.
Wie jeder Muskel kann der Beckenboden verspannen. Anders als ein verspannter Nacken ist er aber nicht sichtbar, nicht bewusst zu fĂŒhlen und wird von den meisten Menschen nie gezielt entspannt. Eine dauerhafte Anspannung drosselt die Durchblutung, reizt die Nervenendigungen und erzeugt sogenannte Triggerpunkte, also verhĂ€rtete Muskelstellen, deren Schmerz in Damm, Hoden, Penis, Scheide, SteiĂbein oder Unterbauch ausstrahlt. Das erklĂ€rt, warum Schmerzen âin der Prostataâ oder âin der Blaseâ empfunden werden, obwohl diese Organe gesund sind.
Die zweite Ebene sind die BĂ€nder. Die Beckenorgane hĂ€ngen an BĂ€ndern, die am Becken verankert sind; die Muskeln spannen diese BĂ€nder wie Seile. Nach Geburten, mit dem Alter oder bei schwachem Bindegewebe dehnen sich die BĂ€nder. Die Muskeln verlieren ihren Gegenhalt, ziehen ins Leere und ĂŒberlasten sich. Nach der Integraltheorie, die der australische UrogynĂ€kologe Peter Petros 1990 formulierte, erklĂ€rt das, warum Senkung, Drangbeschwerden, Entleerungsstörung und Beckenschmerz so hĂ€ufig gemeinsam auftreten.
Das Beschwerdebild ist vielfÀltig, und genau das macht die Diagnose schwer. Typisch sind:
Die Beschwerden schwanken oft ĂŒber Wochen, verschlechtern sich unter Stress, nach langem Sitzen, Radfahren oder KĂ€lte und bessern sich im Urlaub oder in warmem Wasser. Diese Schwankungen sprechen fĂŒr eine muskulĂ€re Ursache und gegen eine Infektion, die sich nicht nach dem Kalender richtet.
Verspannter Beckenboden. Die hĂ€ufigste Ursache bei Frau und Mann. Auslöser sind langes Sitzen, Radfahren, chronischer Stress mit unbewusstem Anspannen, Verstopfung mit Pressen, Operationen und Geburten, aber auch jahrelanges âTrainingâ eines ohnehin zu hohen Muskeltonus.
Ăberdehnte BĂ€nder. Vor allem bei Frauen nach Geburten oder in den Wechseljahren. Dr. Bernhard Liedl und Kollegen haben gezeigt, dass sich bei einem Teil dieser Frauen Schmerz, Drang und Entleerungsstörung bessern, wenn die BĂ€nder operativ wieder gestrafft werden, was die Theorie stĂŒtzt, dass der Zug an ĂŒberdehnten BĂ€ndern selbst Schmerz auslöst.
Nerveneinengung. Der Nervus pudendus kann in seinem Kanal eingeengt werden, typischerweise bei Vielradfahrern, nach Beckenoperationen oder durch Narben. Leitsymptom ist ein brennender, elektrisierender Schmerz im Sitzen, der im Stehen oder auf der Toilettenbrille nachlÀsst.
Vorausgegangene Infektion oder EntzĂŒndung. Manchmal beginnt alles mit einer echten Prostatitis oder BlasenentzĂŒndung, die ausheilt, wĂ€hrend der Beckenboden in Schutzspannung bleibt. Der Schmerz bleibt dann bestehen, obwohl der Erreger lĂ€ngst weg ist.
Andere Organe. Interstitielle Zystitis, Endometriose, Reizdarm, Leistenhernien, HĂŒftgelenkserkrankungen, WirbelsĂ€ulenprobleme und Narben nach Operationen können Beckenschmerz auslösen oder unterhalten. Deshalb gehört eine grĂŒndliche AbklĂ€rung an den Anfang, auch wenn sie am Ende nichts findet.
SchÀtzungen zufolge erleben 2 bis 16 Prozent aller MÀnner im Leben prostatitisÀhnliche Beschwerden, die HÀlfte davon mehrfach. Die klassische Einteilung der amerikanischen Gesundheitsbehörde unterscheidet vier Kategorien:
| Kategorie | Bezeichnung | HĂ€ufigkeit | Kennzeichen |
|---|---|---|---|
| I | Akute bakterielle Prostatitis | unter 5 Prozent | Fieber, starke Beschwerden, Erreger nachweisbar, Antibiotikum nötig |
| II | Chronische bakterielle Prostatitis | unter 5 Prozent | wiederkehrende Infekte mit demselben Keim, lÀngere Antibiotikatherapie |
| III | Chronisches Beckenschmerzsyndrom (CP/CPPS) | ĂŒber 90 Prozent | Schmerz ĂŒber 3 Monate, kein Erreger, IIIa mit und IIIb ohne EntzĂŒndungszellen |
| IV | Asymptomatische EntzĂŒndung | Zufallsbefund | EntzĂŒndungszellen ohne Beschwerden, keine Behandlung |
Die Kategorie III macht ĂŒber 90 Prozent aller FĂ€lle aus. Die Prostata ist dabei oft nur der Ort, an dem der Schmerz empfunden wird, nicht seine Quelle. Entsprechend enttĂ€uschend sind die Ergebnisse, wenn nur die Prostata behandelt wird. Eine Netzwerk-Metaanalyse im Journal of the American Medical Association mit 23 Studien und fast 2.000 Patienten kam zu dem Schluss, dass Alpha-Blocker, EntzĂŒndungshemmer und vor allem deren Kombination besser wirken als Antibiotika allein, deren Nutzen ohne Erregernachweis nicht belegt ist.
Das UPOINT-System ordnet die Beschwerden sechs Bereichen zu. Jeder Buchstabe steht fĂŒr einen davon:
FĂŒr jeden Bereich gibt es eine eigene Behandlung. Je mehr davon gleichzeitig angegangen werden, desto besser das Ergebnis. In Studien besserten sich so ĂŒber 70 Prozent der MĂ€nner deutlich.
Frauen mit chronischem Beckenschmerz berichten hĂ€ufig zusĂ€tzlich ĂŒber Drangbeschwerden, nĂ€chtliches Wasserlassen, das GefĂŒhl unvollstĂ€ndiger Entleerung oder ein SenkungsgefĂŒhl. Diese Kombination ist ein Hinweis darauf, dass die Haltestrukturen des Beckens insgesamt nachgegeben haben. Eine Untersuchung auf dem gynĂ€kologischen Stuhl, bei der der Arzt die BĂ€nder gezielt abtastet und den Schmerz durch StĂŒtzen der Scheidenwand kurzzeitig lindern kann, ist hier aussagekrĂ€ftiger als jede Bildgebung.
Besondere Gruppen sind Frauen mit Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie), Frauen mit Schmerzen nach Ă€lteren Netzoperationen und Frauen mit Schmerzen nach Geburtsverletzungen. Sie sollten in Beckenbodenzentren behandelt werden, in denen Urologie, GynĂ€kologie, Proktologie, Physiotherapie und Schmerztherapie zusammenarbeiten. Endometriose und interstitielle Zystitis mĂŒssen ausgeschlossen oder mitbehandelt werden, weil sie denselben Schmerz erzeugen können.
Die Diagnostik hat zwei Ziele: gefĂ€hrliche und behandelbare Ursachen ausschlieĂen und das eigene Beschwerdemuster erfassen. Dazu gehören:
Weitere Untersuchungen kommen nur bei bestimmten Hinweisen dazu. Blasenspiegelung und Blasendruckmessung bei Drangsymptomen, Blut im Urin oder Verdacht auf eine interstitielle Zystitis. Ein MRT des Beckens bei Verdacht auf eine Nerveneinengung oder Endometriose.
Entscheidend ist die Untersuchung des Beckenbodens selbst. Ein erfahrener Untersucher findet Triggerpunkte, die den bekannten Schmerz auslösen, und erkennt, ob der Muskel entspannen kann. Diese einfache Untersuchung wird in der Praxis am hÀufigsten ausgelassen, obwohl sie den Weg zur Behandlung weist.
Beckenbodenphysiotherapie steht an erster Stelle, aber anders als bei Inkontinenz: Es geht um Entspannen und Loslassen, nicht um KrĂ€ftigen. Spezialisierte Physiotherapeuten arbeiten mit Dehnung, Atmung, manueller Triggerpunktbehandlung ĂŒber Scheide oder Enddarm, Biofeedback und Ăbungen fĂŒr zu Hause. Ein Beckenboden, der schon verspannt ist, wird durch klassisches KrĂ€ftigungstraining schlechter. In Studien besserten sich mit dieser Behandlung 60 bis 80 Prozent der Betroffenen.
Medikamente werden nach dem Beschwerdebild gewĂ€hlt: Alpha-Blocker bei Entleerungsstörung, EntzĂŒndungshemmer ĂŒber wenige Wochen, Muskelrelaxanzien bei Verspannung, niedrig dosierte Antidepressiva oder Antikonvulsiva wie Pregabalin bei nervlich bedingtem Schmerz. Antibiotika nur bei Erregernachweis. Pflanzliche PrĂ€parate wie Quercetin oder Pollenextrakt zeigten in kleinen Studien Effekte und sind nebenwirkungsarm.
Weitere Verfahren: WĂ€rme, Akupunktur, extrakorporale StoĂwellentherapie am Damm, Injektionen in Triggerpunkte, Pudendusblockaden, Botulinumtoxin in den Beckenboden, transkutane Nervenstimulation und bei Frauen mit BĂ€nderschwĂ€che die Bandrekonstruktion. Psychologische Schmerztherapie ist kein EingestĂ€ndnis, dass der Schmerz eingebildet wĂ€re, sondern ein wirksamer Baustein gegen die Schmerzverarbeitung, die sich bei jedem chronischen Schmerz verselbstĂ€ndigt.
| UPOINT-Bereich | Typische Befunde | Behandlung |
|---|---|---|
| U Urinsymptome | Drang, hÀufiges Wasserlassen, schwacher Strahl | Alpha-Blocker, Blasenmedikamente, Trinkverhalten |
| P Psychosozial | Katastrophisieren, Angst, Depression, Schlafstörung | Schmerzpsychotherapie, Entspannungsverfahren |
| O Organbezogen | Druckschmerz der Prostata, EntzĂŒndungszellen | EntzĂŒndungshemmer, Pollenextrakt, Quercetin |
| I Infektion | Erregernachweis in Urin oder Sekret | Antibiotikum nach Antibiogramm |
| N Neurologisch | Brennen, Ausstrahlung, Allodynie, Pudendusschmerz | Pregabalin, Amitriptylin, Nervenblockaden |
| T Verspannung | Triggerpunkte, Schmerz bei Tastung des Beckenbodens | Beckenbodenphysiotherapie, WĂ€rme, StoĂwelle, Botulinumtoxin |
Sitzen auf einem weichen Kissen mit Aussparung in der Mitte entlastet den Damm. Radfahren pausieren oder auf einen breiten, gepolsterten Sattel ohne Nase wechseln. Warme SitzbĂ€der oder eine WĂ€rmflasche am Damm lockern die Muskulatur. Stuhlgang weich halten und nicht pressen. RegelmĂ€Ăige Bewegung wie Gehen, Schwimmen oder Yoga wirkt besser als Schonung. Wer merkt, dass er unter Stress den Beckenboden anspannt, kann mehrmals tĂ€glich bewusst ausatmen und den Damm âfallen lassenâ. Alkohol, scharfes Essen und viel Kaffee verstĂ€rken bei manchen Betroffenen die Blasensymptome. Und: SexualitĂ€t ist erlaubt und oft hilfreich, weil Orgasmus die Muskulatur entspannt, solange der Schmerz das zulĂ€sst.
Diese Fragen helfen, das GesprĂ€ch zu strukturieren. Ăber die Druckfunktion können Sie die Liste mitnehmen.
Eine erste Kur bei Verdacht auf Prostatitis ist vertretbar. Wiederholte Kuren ohne Erregernachweis helfen nach heutigem Stand nicht und schaden der Darmflora. Fragen Sie nach einer Urinkultur und einer Untersuchung des Beckenbodens.
Nach Ausschluss von Tumor und Infektion: nein. Er schÀdigt kein Organ, aber er belastet LebensqualitÀt, Schlaf, SexualitÀt und Psyche erheblich. Deshalb verdient er eine ebenso ernsthafte Behandlung wie eine organische Erkrankung.
Sehr selten. Prostatakrebs macht im FrĂŒhstadium keine Beschwerden, und chronischer Beckenschmerz ist kein Risikofaktor. Eine Tastuntersuchung und bei MĂ€nnern ab 45 ein PSA-Wert gehören trotzdem zur AbklĂ€rung, schon um die Sorge zu nehmen.
Beim Mann der Urologe, bei der Frau GynÀkologe oder Urologe mit Schwerpunkt Beckenboden. Hilfreich sind Beckenbodenzentren und Schmerzambulanzen, in denen mehrere Fachrichtungen zusammenarbeiten. Fragen Sie gezielt nach Erfahrung mit chronischem Beckenschmerz.
Nein. Bei chronischem Beckenschmerzsyndrom ohne Abflussbehinderung ist eine Prostataoperation nicht empfohlen und kann die Beschwerden verschlimmern. Anders ist es, wenn zusĂ€tzlich eine relevante ProstatavergröĂerung mit Restharn besteht.
Leitlinien
âą European Association of Urology. EAU Guidelines on Chronic Pelvic Pain. Ausgabe 2024.
Studien
âą Anothaisintawee, T. et al. Management of chronic prostatitis/chronic pelvic pain syndrome: a systematic review and network meta-analysis. JAMA, 2011;305(1):78-86. PMID 21422427
âą Liedl B, Goeschen K, Durner L. Current treatment of pelvic organ prolapse correlated with chronic pelvic pain, bladder and bowel dysfunction. Current Opinion in Urology 2017;27(3):274-281. PMID 28306603
âą Shoskes DA et al. Clinical phenotyping of patients with chronic prostatitis/chronic pelvic pain syndrome and correlation with symptom severity. Urology 2009;73(3):538-542. PMID 19118880
Reviews
âą Shoskes DA, Nickel JC. Classification and treatment of men with chronic prostatitis/chronic pelvic pain syndrome using the UPOINT system. World Journal of Urology 2013;31(4):755-760. PMID 23588814
âą Petros PE, Ulmsten UI. An integral theory of female urinary incontinence. Acta Obstetricia et Gynecologica Scandinavica 1990;69(Suppl 153):7-31.
âą Franco JV et al. Non-pharmacological interventions for treating chronic prostatitis/chronic pelvic pain syndrome. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018;5:CD012551.