Therapie

TESE und Mikro-TESE: Spermiengewinnung bei Azoospermie

TESE: warum Verschluss und Bildungsstörung völlig unterschiedliche Aussichten haben, was die Mikro-TESE besser macht und warum vorher genetisch untersucht wird.
Redaktion: UroWissen
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Erstellt nach Leitlinien von EAU und DGU
Zuletzt überarbeitet: August 2026
In einfachen WortenWenn im Ejakulat keine Samenzellen zu finden sind, heißt das nicht zwangsläufig, dass keine gebildet werden. Bei der TESE wird Hodengewebe entnommen und darin nach Samenzellen gesucht.Weiterlesen

Zwei Situationen sind zu unterscheiden. Sind die Samenwege verschlossen, werden fast immer Zellen gefunden, in über 95 von hundert Fällen. Ist die Bildung gestört, liegt die Chance bei etwa der Hälfte.

Bei gestörter Bildung wird die Mikro-TESE eingesetzt: Unter dem Mikroskop werden gezielt die Kanälchen ausgesucht, die noch aktiv aussehen.

Gefundene Zellen werden eingefroren und später für eine künstliche Befruchtung verwendet. Der Eingriff wird deshalb mit der Kinderwunschpraxis abgestimmt.

Spermien direkt aus dem Hoden

Finden sich im Ejakulat keine Spermien, spricht man von Azoospermie. Betroffen ist etwa einer von hundert Männern und etwa jeder zehnte mit unerfülltem Kinderwunsch.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass keine Spermien gebildet werden. Bei der TESE, der testikulären Spermienextraktion, wird Hodengewebe entnommen und darin nach Samenzellen gesucht. Werden welche gefunden, lassen sie sich einfrieren und später für eine Injektion in die Eizelle verwenden.

Zwei völlig verschiedene Ausgangslagen

Verschluss der Samenwege. Die Bildung funktioniert, der Weg nach außen ist blockiert, etwa nach einer Vasektomie, nach Entzündungen oder bei einem angeborenen Fehlen der Samenleiter. Hier finden sich praktisch immer Spermien, und schon eine einfache Entnahme genügt.
Bildungsstörung im Hoden. Die Produktion ist stark eingeschränkt oder erloschen. Hier gelingt die Gewinnung in etwa der Hälfte der Fälle, und es braucht die aufwendigere Mikro-TESE.

Unterschieden werden beide vor dem Eingriff anhand von Hodenvolumen, FSH-Wert und Vorgeschichte. Ein normales Hodenvolumen mit normalem FSH spricht für einen Verschluss, kleine Hoden mit hohem FSH für eine Bildungsstörung.

Was die Mikro-TESE ausmacht

Bei der klassischen TESE werden an mehreren Stellen kleine Gewebeproben entnommen, im Grunde blind.

Bei der Mikro-TESE wird der Hoden unter dem Operationsmikroskop bei zwanzig- bis fünfundzwanzigfacher Vergrößerung eröffnet. Dabei lassen sich Samenkanälchen unterscheiden: Erweiterte, milchig wirkende Kanälchen enthalten deutlich häufiger Spermien als dünne, durchsichtige. Der Operateur entnimmt gezielt aus den aussichtsreichen Bereichen.

Der Vorteil ist doppelt: Die Erfolgsrate ist bei Bildungsstörungen höher, und es wird weniger Gewebe entfernt, was den Testosteronhaushalt schont.

Vor dem Eingriff

Drei Untersuchungen gehören dazu, und alle drei beeinflussen die Entscheidung.

Hormonwerte, insbesondere FSH und Testosteron. Bei niedrigem Testosteron kann eine hormonelle Vorbehandlung über einige Monate die Aussichten verbessern.

Genetische Untersuchung mit Chromosomenanalyse und Suche nach Verlusten auf dem Y-Chromosom. Dieser Punkt ist entscheidend: Bei bestimmten Verlusten sind praktisch nie Spermien zu finden, und der Eingriff erübrigt sich. Bei anderen genetischen Befunden ist die Aussicht gut, aber es gehört eine Beratung zu möglichen Folgen für ein Kind dazu.

Abstimmung mit dem Kinderwunschzentrum, weil die gewonnenen Zellen sofort verarbeitet und eingefroren werden müssen. Der Eingriff wird deshalb nicht isoliert geplant.

Samenzellen
Gefundene Spermien werden noch im Operationssaal beurteilt und eingefroren. So sind später mehrere Versuche aus einer Entnahme möglich.
Illustration: Servier Medical Art, lizenziert unter CC BY 4.0.

Der Eingriff und danach

Durchgeführt wird er in Narkose und dauert je nach Verfahren dreißig Minuten bis über zwei Stunden. Über einen Schnitt am Hodensack wird der Hoden freigelegt und eröffnet, das Gewebe entnommen und noch im Operationssaal von einem Labor untersucht.

Werden Spermien gefunden, werden sie eingefroren. Das ist wichtig, weil sich die Entnahme dann nicht mit dem Zyklus der Partnerin abstimmen muss und mehrere Versuche aus einer Entnahme möglich sind.

Nach dem Eingriff sind Schwellung und Druckgefühl für ein bis zwei Wochen normal. Ein enger Slip lindert das deutlich. Schonung für etwa zwei Wochen, Sport nach drei bis vier.

Was langfristig kontrolliert gehört: Die Entnahme von Hodengewebe kann den Testosteronspiegel senken, besonders bei bereits kleinen Hoden und bei beidseitigem Vorgehen. Der Wert sollte deshalb nach etwa sechs und zwölf Monaten kontrolliert werden, auch wenn Sie sich gut fühlen. Zeichen eines Mangels sind Antriebslosigkeit, Libidoverlust und Erschöpfung, siehe Testosteronmangel.

Wenn nichts gefunden wird

Das kommt bei Bildungsstörungen in etwa der Hälfte der Fälle vor und ist die schwerste Nachricht dieses Weges. Ein zweiter Versuch ist möglich, sollte aber mindestens sechs Monate später und an einem erfahrenen Zentrum erfolgen.

Bleibt es dabei, stehen Samenspende und Adoption als Wege offen. Beides gehört früh und ohne Druck angesprochen, damit ein Paar Zeit hat, sich damit auseinanderzusetzen, statt erst nach dem gescheiterten zweiten Versuch davon zu hören.

Woran der Erfolg hängt

Bei verschlossenen Samenwegen werden praktisch immer Spermien gefunden, über 95 Prozent. Ist die Spermienbildung gestört, liegt die Chance insgesamt bei etwa 50 Prozent. Sie hängt aber stark vom feingeweblichen Befund ab:

  • Reifungsstopp auf später Stufe: über 70 Prozent
  • Klinefelter-Syndrom: etwa 40 bis 50 Prozent, bei jüngeren Männern höher
  • Sertoli-Cell-Only-Syndrom: 20 bis 40 Prozent. Hier fehlen die Keimzellen, einzelne Hodenkanälchen können aber doch aktiv sein.

Nicht vorhersagen lässt sich der Erfolg aus FSH-Wert, Hodengröße oder Testosteron allein; auch Männer mit sehr hohem FSH und sehr kleinen Hoden haben eine Chance. Eine Ausnahme sind bestimmte Mikrodeletionen auf dem Y-Chromosom (AZFa und AZFb), bei denen keine Spermien zu erwarten sind und deshalb von einem Eingriff abgeraten wird. Deshalb gehört die genetische Untersuchung vor jede TESE. Nach Chemotherapie sollte mindestens zwei Jahre gewartet werden, weil sich die Spermienbildung erholen kann.

Der Weg zum Kind danach

Gewonnene Spermien werden eingefroren und später für die intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) verwendet, bei der ein einzelnes Spermium direkt in die Eizelle eingebracht wird. Die Partnerin durchläuft dafür eine Hormonstimulation und Eizellentnahme. Die Befruchtungsrate mit Hodenspermien liegt bei 50 bis 60 Prozent pro Eizelle, die Schwangerschaftsrate pro Versuch bei 30 bis 40 Prozent, abhängig vor allem vom Alter der Frau. Oft sind zwei bis drei Versuche nötig. Kinder nach TESE und ICSI sind nach den vorliegenden Daten so gesund wie andere Kinder nach künstlicher Befruchtung; bei genetischen Ursachen der Azoospermie wird eine humangenetische Beratung empfohlen, weil sie an Söhne weitergegeben werden können.

Die Kosten sind erheblich. Die TESE selbst wird von den gesetzlichen Kassen übernommen, die ICSI zu 50 Prozent bei verheirateten Paaren, für drei Versuche, mit Altersgrenzen von 25 bis 40 Jahren bei der Frau und 25 bis 50 beim Mann. Einige Bundesländer und Kassen zahlen Zuschüsse darüber hinaus. Ein Versuch kostet ohne Zuschuss 4.000 bis 6.000 Euro. Das Einfrieren der Spermien über Jahre kostet zusätzlich etwa 300 Euro im Jahr und wird selten erstattet.

Häufige Fragen

Wie hoch sind die Erfolgsaussichten?

Bei einem Verschluss der Samenwege praktisch hundert Prozent. Bei einer Bildungsstörung liegt die Rate an gewonnenen Spermien mit der Mikro-TESE bei etwa der Hälfte, abhängig von der Ursache. Die Erfahrung des Operateurs beeinflusst das Ergebnis erheblich.

Zahlt die Krankenkasse?

Die Kostenübernahme ist in Deutschland uneinheitlich geregelt und unterscheidet sich zwischen den Kassen und je nachdem, ob der Eingriff der Diagnostik oder der Kinderwunschbehandlung zugerechnet wird. Klären Sie das vorher schriftlich, einschließlich der Kosten für die Lagerung der eingefrorenen Proben.

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Quellen

Leitlinien

• European Association of Urology. EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health. Ausgabe 2025.

• Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) et al. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie vor einer assistierten reproduktionsmedizinischen Behandlung. AWMF-Register-Nr. 015-085.

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Quelle: UroWissen.de, unabhängige urologische Patienteninformation. Dieser Ausdruck ersetzt keine ärztliche Beratung.
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