In einfachen WortenEin Testosteronmangel liegt erst vor, wenn niedrige Werte und Beschwerden zusammenkommen. Ein niedriger Wert allein reicht nicht.Weiterlesen
Beschwerden sind unspezifisch: Antriebslosigkeit, Verlust der Libido, Erektionsprobleme, Muskelabbau, depressive Verstimmung.
Gemessen wird morgens zwischen sieben und elf Uhr, und mindestens zweimal an verschiedenen Tagen. Der Wert schwankt im Tagesverlauf erheblich.
Vor einer Behandlung wird die Prostata untersucht und das Blutbild kontrolliert. Bei Kinderwunsch ist eine Testosterongabe ungünstig, sie unterdrückt die Bildung von Samenzellen.
Überblick
Altershypogonadismus: keine Wechseljahre des Mannes
Begriffe wie Klimakterium virile, Andropause oder Wechseljahre des Mannes legen eine Entsprechung zu den Wechseljahren der Frau nahe. Diese Entsprechung gibt es nicht. Bei der Frau versiegt die Hormonproduktion innerhalb weniger Jahre. Beim Mann sinkt das Testosteron ab etwa vierzig um durchschnittlich ein Prozent pro Jahr, langsam und individuell sehr unterschiedlich. Die meisten Männer bleiben lebenslang im Normbereich.
Die Fachgesellschaften sprechen deshalb von altersassoziiertem Hypogonadismus oder Late-Onset-Hypogonadismus. Er betrifft nur einen Teil der älteren Männer: Etwa zwei bis fünf Prozent der über 60-Jährigen haben sowohl Beschwerden als auch niedrige Werte.
Symptome
Die meisten dieser Beschwerden treten auch bei Depression, Schilddrüsenunterfunktion, Schlafapnoe, Diabetes und schlicht bei Überlastung auf. Allein taugen sie deshalb nicht zur Diagnose. Enger mit dem Testosteronspiegel hängen drei sexuelle Zeichen zusammen: nachlassendes sexuelles Verlangen, seltener werdende morgendliche Erektionen und Erektionsstörungen.

Illustration: Servier Medical Art, lizenziert unter CC BY 4.0.
Diagnostik
Therapie
Lebensstil: Testosteron natürlich optimieren
Nach den Leitlinien sind diese Maßnahmen der erste Schritt, bevor eine Dauertherapie begonnen wird. Eine Gewichtsabnahme von zehn Prozent hebt den Spiegel bei übergewichtigen Männern im Mittel um zwei bis drei nmol/l. Die Behandlung einer Schlafapnoe mit Atemmaske normalisiert den Wert bei vielen Betroffenen innerhalb von Monaten, weil Testosteron überwiegend im Tiefschlaf gebildet wird. Eine gute Blutzuckereinstellung und das Absetzen von Opioiden oder Anabolika wirken ebenso. Wer diese Maßnahmen drei bis sechs Monate konsequent umsetzt und dann immer noch Beschwerden und niedrige Werte hat, ist ein guter Kandidat für eine Hormontherapie.
Diagnostik: Wie wird Testosteronmangel festgestellt?
Wann testen? Bei Symptomen: Libidoverlust + ED, anhaltende Müdigkeit/Antriebslosigkeit, Muskelschwund trotz Training, Zunahme von Bauchfett, depressive Verstimmung, Konzentrationsstörung, Knochenschmerzen/Osteoporose, Anämie unklarer Ursache.
Labordiagnostik: Gesamt-Testosteron im Serum: morgens (7 bis 11 Uhr, nüchtern, da Tagesrhythmik!). Normwert: über 12,1 nmol/l (3,5 ng/ml). Graubereich: 8 bis 12 nmol/l → zusätzlich freies Testosteron und SHBG bestimmen. Unter 8 nmol/l: klarer Hypogonadismus. IMMER 2 Messungen an verschiedenen Tagen (einzelner Wert nicht aussagekräftig!). Zusätzlich: LH, FSH (primär vs. sekundär), Prolaktin (Hypophysenadenom?), Blutbild (Polyglobulie?).
Therapie: Testosteron-Substitution
Gel (häufigste Anwendung): Testogel®/Androgel® 50 mg 1× täglich auf Schulter/Oberarm auftragen. Gleichmäßige Spiegel, einfache Dosisanpassung. Cave: Übertragung auf Partnerin/Kinder bei Hautkontakt, nach Auftragen 2h Hautkontakt vermeiden.
Injektion: Testosteron-Undecanoat (Nebido®) 1.000 mg i.m. alle 10 bis 14 Wochen. Vorteil: kein tägliches Auftragen. Nachteil: Spiegelschwankungen (hoch nach Injektion, niedrig vor der nächsten). Testosteron-Enantat (Testoviron®) 250 mg i.m. alle 2 bis 3 Wochen, stärkere Schwankungen.
Monitoring: Kontrollen von Testosteron, Hämatokrit und PSA nach 3, 6 und 12 Monaten, danach jährlich. Bei Hämatokrit über 54 Prozent Dosis anpassen oder Aderlass. Testosteron-Spiegel nach 3 Monaten (Ziel: 15-25 nmol/l). Knochendichte (DXA) bei Baseline und nach 2 Jahren. Leberwerte initial + jährlich.
Bleiben die Beschwerden nach sechs Monaten Behandlung unverändert, wird sie beendet. Dann war der niedrige Wert nicht die Ursache, die Suche geht in eine andere Richtung weiter.
Was eine Behandlung wirklich bewirkt
In der bisher größten Untersuchung dazu erhielten knapp 800 Männer über 65 mit bestätigt niedrigen Werten ein Jahr lang Testosterongel. Libido und sexuelle Aktivität besserten sich, in geringerem Maß auch die Erektion. Die Stimmung besserte sich leicht, Gehstrecke und Energie kaum. Die Knochendichte nahm zu, eine Blutarmut besserte sich. Auf Gedächtnis und Denkleistung hatte die Behandlung keinen Einfluss. Wer vor allem unter Libidoverlust leidet, profitiert am ehesten. Wer sich jünger fühlen möchte, wird enttäuscht.
Eine 2023 veröffentlichte Studie mit über 5.000 Männern mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko hat die lange offene Sicherheitsfrage beantwortet: Unter Testosterongel traten Herzinfarkte und Schlaganfälle nicht häufiger auf als unter einem Scheinmedikament. Etwas häufiger waren Vorhofflimmern, Lungenembolien und akute Nierenschäden. Die Leitlinien sehen das Herzrisiko damit als nicht erhöht an, raten aber weiterhin, Männer mit kürzlichem Herzinfarkt oder Schlaganfall zunächst nicht zu behandeln.
Häufige Fragen
Bei: Libidoverlust, Antriebslosigkeit, Erektionsprobleme, Muskelabbau trotz Training, depressive Stimmung. Messung morgens 7 bis 11 Uhr, nüchtern, 2× bestätigen.
Bei echtem Hypogonadismus (unter 12 nmol/L) ist TRT sicher und wirksam. kein erhöhtes Prostatakrebsrisiko (widerlegt). Kontraindiziert bei Kinderwunsch (unterdrückt Spermienproduktion).
Ja, messbar. Fettgewebe enthält Aromatase, die Testosteron in Östrogen umwandelt. Eine Gewichtsabnahme von zehn Prozent hebt den Spiegel bei übergewichtigen Männern im Mittel um zwei bis drei nmol/l.
Nein. Bei nachgewiesenem Mangel bessern sich Libido, Antrieb, Muskelmasse und Knochendichte messbar. Bei normalem Ausgangswert ist kein Nutzen belegt, wohl aber Risiken. Die Anwendung als Anti-Aging-Mittel wird von den Fachgesellschaften ausdrücklich abgelehnt.
In der Regel ja, solange der Nutzen anhält, weil die Eigenproduktion unter der Behandlung zusätzlich gedrosselt wird. Ein Absetzversuch ist möglich, führt aber meist zur Rückkehr der Beschwerden innerhalb von Wochen.
Zur Abklärung eines möglichen Mangels:
Quellen
Leitlinien
• European Association of Urology. EAU Guidelines on Male Hypogonadism. Ausgabe 2024.
• Corona, G. et al. (2020). European Academy of Andrology guidelines on investigation, treatment and monitoring of functional hypogonadism. Andrology, 8(4), 970-987.
Studien
• Bhasin, S. et al. Testosterone Therapy in Men With Hypogonadism: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, 2018;103(5):1715-1744. PMID 29562364