In einfachen WortenEin Testosteronmangel liegt erst vor, wenn niedrige Werte und Beschwerden zusammenkommen. Ein niedriger Wert allein reicht nicht.Weiterlesen

Beschwerden sind unspezifisch: Antriebslosigkeit, Verlust der Libido, Erektionsprobleme, Muskelabbau, depressive Verstimmung.

Gemessen wird morgens zwischen sieben und elf Uhr, und mindestens zweimal an verschiedenen Tagen. Der Wert schwankt im Tagesverlauf erheblich.

Vor einer Behandlung wird die Prostata untersucht und das Blutbild kontrolliert. Bei Kinderwunsch ist eine Testosterongabe ungünstig, sie unterdrückt die Bildung von Samenzellen.

Überblick

Niedrige Testosteronwerte sind im Alter häufig: Sie finden sich bei etwa 5 bis 10 Prozent der Männer über 40 und bei bis zu 30 Prozent der Männer über 70. Ein behandlungsbedürftiger Testosteronmangel (Hypogonadismus) mit Beschwerden und bestätigt niedrigen Werten ist deutlich seltener. Testosteron ist das wichtigste männliche Sexualhormon und beeinflusst weit mehr als nur die Libido: Muskelmasse, Knochendichte, Fettstoffwechsel, Blutbildung, Stimmung und Energie.
Normalwert
12 bis 35 nmol/L
(3,5 bis 10 ng/ml)
Mangel
<12 nmol/L
(<3,5 ng/ml, morgens nüchtern gemessen)

Altershypogonadismus: keine Wechseljahre des Mannes

Begriffe wie Klimakterium virile, Andropause oder Wechseljahre des Mannes legen eine Entsprechung zu den Wechseljahren der Frau nahe. Diese Entsprechung gibt es nicht. Bei der Frau versiegt die Hormonproduktion innerhalb weniger Jahre. Beim Mann sinkt das Testosteron ab etwa vierzig um durchschnittlich ein Prozent pro Jahr, langsam und individuell sehr unterschiedlich. Die meisten Männer bleiben lebenslang im Normbereich.

Die Fachgesellschaften sprechen deshalb von altersassoziiertem Hypogonadismus oder Late-Onset-Hypogonadismus. Er betrifft nur einen Teil der älteren Männer: Etwa zwei bis fünf Prozent der über 60-Jährigen haben sowohl Beschwerden als auch niedrige Werte.

Symptome

Sexuell
Libidoverlust (oft erstes Symptom), erektile Dysfunktion, verminderte Morgenerektionen, vermindertes Ejakulatvolumen, Orgasmusstörung.
Körperlich
Muskelabbau, Zunahme von Bauchfett, Brustvergrößerung (Gynäkomastie), Osteoporose, Haarausfall (Körper/Bart), Anämie, Hitzewallungen.
Psychisch
Müdigkeit/Antriebslosigkeit (häufigstes Symptom!), Stimmungsschwankungen, depressive Verstimmung, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen.
Metabolisch
Insulinresistenz, Diabetes Typ 2 (Testosteronmangel und Diabetes verstärken sich gegenseitig!), Dyslipidämie, metabolisches Syndrom.

Die meisten dieser Beschwerden treten auch bei Depression, Schilddrüsenunterfunktion, Schlafapnoe, Diabetes und schlicht bei Überlastung auf. Allein taugen sie deshalb nicht zur Diagnose. Enger mit dem Testosteronspiegel hängen drei sexuelle Zeichen zusammen: nachlassendes sexuelles Verlangen, seltener werdende morgendliche Erektionen und Erektionsstörungen.

Hypophyse als Steuerzentrale
Die Hirnanhangsdrüse steuert über LH und FSH die Hodenfunktion. Deshalb sagen erst diese Werte zusammen mit dem Testosteron, wo die Störung sitzt.
Illustration: Servier Medical Art, lizenziert unter CC BY 4.0.

Diagnostik

Testosteron IMMER morgens zwischen 7 bis 11 Uhr nüchtern messen (Tagesrhythmik!). Werte am Nachmittag sind bis zu 30 Prozent niedriger. Mindestens 2 Messungen an verschiedenen Tagen. Gesamttestosteron unter 12 nmol/L UND Symptome = Hypogonadismus. Ein niedriger Wert ohne Beschwerden wird nicht behandelt, Beschwerden bei normalem Wert ebenfalls nicht. Graubereich 8 bis 12 nmol/L: freies Testosteron und SHBG bestimmen. Weitere Labor: LH, FSH (primär vs. sekundär?), Prolaktin, Estradiol, PSA, Blutbild, HbA1c, Lipide, Leberwerte. Bei Verdacht auf sekundären Hypogonadismus: MRT der Hypophyse (Prolaktinom?).

Therapie

VOR Therapiebeginn ausschließen: Prostatakrebs (PSA + DRU), Polyglobulie (Hämatokrit >54 Prozent), unbehandelte Schlafapnoe, aktiver Kinderwunsch (Testosteron unterdrückt die Spermienproduktion!).
Testosteron-Gel (häufigste Form)
Tägliches Auftragen auf Schulter/Oberarm. Gleichmäßige Spiegel, gute Steuerbarkeit, kann bei NW schnell abgesetzt werden. Achtung: Kontaktvermeidung mit Partnerin/Kindern bis Gel getrocknet!
Testosteron-Depot-Spritzen
Testosteron-Undecanoat (Nebido®) alle 10 bis 14 Wochen i.m. Bequem, kein tägliches Auftragen. Nachteil: Bei NW kann nicht schnell abgesetzt werden (Wirkung dauert Wochen).
Bei Kinderwunsch: hCG oder Clomifen
Exogenes Testosteron unterdrückt die Spermienproduktion (wirkt wie Verhütung!). Stattdessen: hCG-Injektionen oder Clomifen stimulieren die körpereigene Produktion, Spermiogenese bleibt erhalten.
Kontrolle: PSA, Hämatokrit, Leberwerte nach 3, 6 und 12 Monaten, dann jährlich. Testosteronspiegel nach 3 Monaten in den Normbereich bringen.

Lebensstil: Testosteron natürlich optimieren

Bevor über eine Substitution nachgedacht wird, lohnen diese Maßnahmen. Sie können den Testosteronspiegel messbar verbessern:
🏋️ Krafttraining
2 bis 3×/Woche mit schweren Gewichten (Squats, Deadlifts, Bench Press). Stärkster natürlicher Testosteron-Booster!
😴 Schlaf optimieren
7 bis 9 Stunden. Schlafmangel senkt Testosteron um 10 bis 15 Prozent! Schlafapnoe behandeln.
⚖️ Gewicht reduzieren
Bauchfett wandelt Testosteron in Östrogen um (Aromatase). 10 Prozent Gewichtsverlust → messbar höherer Testosteronspiegel.
🥩 Ernährung
Ausreichend Zink (Fleisch, Nüsse), Vitamin D (Sonne, Supplementierung 2000 IE/d), gesunde Fette, genug Kalorien.
🧘 Stress reduzieren
Chronischer Stress → Cortisol hoch → Testosteron runter. Meditation, Sport, Schlaf.
🚫 Alkohol begrenzen
Übermäßiger Alkohol senkt Testosteron direkt. >2 Drinks/Tag = messbarer Abfall.

Nach den Leitlinien sind diese Maßnahmen der erste Schritt, bevor eine Dauertherapie begonnen wird. Eine Gewichtsabnahme von zehn Prozent hebt den Spiegel bei übergewichtigen Männern im Mittel um zwei bis drei nmol/l. Die Behandlung einer Schlafapnoe mit Atemmaske normalisiert den Wert bei vielen Betroffenen innerhalb von Monaten, weil Testosteron überwiegend im Tiefschlaf gebildet wird. Eine gute Blutzuckereinstellung und das Absetzen von Opioiden oder Anabolika wirken ebenso. Wer diese Maßnahmen drei bis sechs Monate konsequent umsetzt und dann immer noch Beschwerden und niedrige Werte hat, ist ein guter Kandidat für eine Hormontherapie.

Diagnostik: Wie wird Testosteronmangel festgestellt?

Wann testen? Bei Symptomen: Libidoverlust + ED, anhaltende Müdigkeit/Antriebslosigkeit, Muskelschwund trotz Training, Zunahme von Bauchfett, depressive Verstimmung, Konzentrationsstörung, Knochenschmerzen/Osteoporose, Anämie unklarer Ursache.

Labordiagnostik: Gesamt-Testosteron im Serum: morgens (7 bis 11 Uhr, nüchtern, da Tagesrhythmik!). Normwert: über 12,1 nmol/l (3,5 ng/ml). Graubereich: 8 bis 12 nmol/l → zusätzlich freies Testosteron und SHBG bestimmen. Unter 8 nmol/l: klarer Hypogonadismus. IMMER 2 Messungen an verschiedenen Tagen (einzelner Wert nicht aussagekräftig!). Zusätzlich: LH, FSH (primär vs. sekundär), Prolaktin (Hypophysenadenom?), Blutbild (Polyglobulie?).

Therapie: Testosteron-Substitution

Gel (häufigste Anwendung): Testogel®/Androgel® 50 mg 1× täglich auf Schulter/Oberarm auftragen. Gleichmäßige Spiegel, einfache Dosisanpassung. Cave: Übertragung auf Partnerin/Kinder bei Hautkontakt, nach Auftragen 2h Hautkontakt vermeiden.

Injektion: Testosteron-Undecanoat (Nebido®) 1.000 mg i.m. alle 10 bis 14 Wochen. Vorteil: kein tägliches Auftragen. Nachteil: Spiegelschwankungen (hoch nach Injektion, niedrig vor der nächsten). Testosteron-Enantat (Testoviron®) 250 mg i.m. alle 2 bis 3 Wochen, stärkere Schwankungen.

Kontraindikationen: Aktives oder V.a. Prostatakarzinom (PSA bestimmen VOR Therapiebeginn!), Mammakarzinom, Kinderwunsch (Testosteron unterdrückt die Spermatogenese, bei Kinderwunsch: HCG statt Testosteron!), Polyglobulie (Hämatokrit >54 Prozent), schwere Herzinsuffizienz, schwere Schlafapnoe (unbehandelt).

Monitoring: Kontrollen von Testosteron, Hämatokrit und PSA nach 3, 6 und 12 Monaten, danach jährlich. Bei Hämatokrit über 54 Prozent Dosis anpassen oder Aderlass. Testosteron-Spiegel nach 3 Monaten (Ziel: 15-25 nmol/l). Knochendichte (DXA) bei Baseline und nach 2 Jahren. Leberwerte initial + jährlich.

Bleiben die Beschwerden nach sechs Monaten Behandlung unverändert, wird sie beendet. Dann war der niedrige Wert nicht die Ursache, die Suche geht in eine andere Richtung weiter.

Was eine Behandlung wirklich bewirkt

In der bisher größten Untersuchung dazu erhielten knapp 800 Männer über 65 mit bestätigt niedrigen Werten ein Jahr lang Testosterongel. Libido und sexuelle Aktivität besserten sich, in geringerem Maß auch die Erektion. Die Stimmung besserte sich leicht, Gehstrecke und Energie kaum. Die Knochendichte nahm zu, eine Blutarmut besserte sich. Auf Gedächtnis und Denkleistung hatte die Behandlung keinen Einfluss. Wer vor allem unter Libidoverlust leidet, profitiert am ehesten. Wer sich jünger fühlen möchte, wird enttäuscht.

Eine 2023 veröffentlichte Studie mit über 5.000 Männern mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko hat die lange offene Sicherheitsfrage beantwortet: Unter Testosterongel traten Herzinfarkte und Schlaganfälle nicht häufiger auf als unter einem Scheinmedikament. Etwas häufiger waren Vorhofflimmern, Lungenembolien und akute Nierenschäden. Die Leitlinien sehen das Herzrisiko damit als nicht erhöht an, raten aber weiterhin, Männer mit kürzlichem Herzinfarkt oder Schlaganfall zunächst nicht zu behandeln.

Häufige Fragen

Bei: Libidoverlust, Antriebslosigkeit, Erektionsprobleme, Muskelabbau trotz Training, depressive Stimmung. Messung morgens 7 bis 11 Uhr, nüchtern, 2× bestätigen.

Bei echtem Hypogonadismus (unter 12 nmol/L) ist TRT sicher und wirksam. kein erhöhtes Prostatakrebsrisiko (widerlegt). Kontraindiziert bei Kinderwunsch (unterdrückt Spermienproduktion).

Ja, messbar. Fettgewebe enthält Aromatase, die Testosteron in Östrogen umwandelt. Eine Gewichtsabnahme von zehn Prozent hebt den Spiegel bei übergewichtigen Männern im Mittel um zwei bis drei nmol/l.

Nein. Bei nachgewiesenem Mangel bessern sich Libido, Antrieb, Muskelmasse und Knochendichte messbar. Bei normalem Ausgangswert ist kein Nutzen belegt, wohl aber Risiken. Die Anwendung als Anti-Aging-Mittel wird von den Fachgesellschaften ausdrücklich abgelehnt.

In der Regel ja, solange der Nutzen anhält, weil die Eigenproduktion unter der Behandlung zusätzlich gedrosselt wird. Ein Absetzversuch ist möglich, führt aber meist zur Rückkehr der Beschwerden innerhalb von Wochen.

Fragen an meinen Arzt

Zur Abklärung eines möglichen Mangels:

Wurde morgens und an zwei verschiedenen Tagen gemessen?
Wie hoch ist mein Wert genau, und wo liegt die Grenze?
Sollten LH, FSH und SHBG mitbestimmt werden?
Könnten Übergewicht oder eine Schlafapnoe die Ursache sein?
Besteht bei mir aktuell Kinderwunsch?
Welche Kontrollen sind unter einer Behandlung nötig?
Wann würden wir die Behandlung als erfolglos beenden?
Tipp: Über den Knopf „Drucken“ oben können Sie diese Liste ausdrucken und zum Termin mitnehmen.
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Quellen

Leitlinien

• European Association of Urology. EAU Guidelines on Male Hypogonadism. Ausgabe 2024.

• Corona, G. et al. (2020). European Academy of Andrology guidelines on investigation, treatment and monitoring of functional hypogonadism. Andrology, 8(4), 970-987.

Studien

• Bhasin, S. et al. Testosterone Therapy in Men With Hypogonadism: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, 2018;103(5):1715-1744. PMID 29562364

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Nächste Schritte

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