Therapie

Sakrale Neuromodulation: Blasenschrittmacher mit Testphase

Sakrale Neuromodulation: bei welchen Beschwerden sie hilft, warum erst getestet und dann implantiert wird und was das Leben mit dem Gerät bedeutet.
Redaktion: UroWissen
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Erstellt nach Leitlinien von EAU und DGU
In einfachen WortenBei der sakralen Neuromodulation wird ein Schrittmacher eingesetzt, der die Nerven zur Blase mit schwachen Impulsen beeinflusst. Eingesetzt wird er bei überaktiver Blase oder bei einer Blase, die sich nicht entleert, wenn nichts anderes geholfen hat.Weiterlesen

Besonders daran ist der Ablauf: Zuerst wird über einige Tage bis Wochen getestet. Erst wenn die Beschwerden sich in dieser Zeit deutlich bessern, wird das Gerät dauerhaft eingesetzt.

Damit weiß man vorher, ob es wirkt. Das ist bei kaum einem anderen Verfahren so.

Der Schrittmacher sitzt unter der Haut am Gesäß. Die Batterie hält je nach Modell einige Jahre, dann wird gewechselt.

Ein Schrittmacher für die Blase

Bei der sakralen Neuromodulation wird eine dünne Elektrode an einen Nerv im Kreuzbein gelegt, der Blase, Enddarm und Beckenboden versorgt. Ein kleines Gerät gibt dort schwache elektrische Impulse ab und beeinflusst damit die Signale zwischen Blase und Rückenmark.

Der Vergleich mit einem Herzschrittmacher trifft die Bauweise, nicht die Wirkung: Es wird nichts erzwungen, sondern die fehlgeleitete Kommunikation zwischen Blase und Nervensystem wird moduliert. Genau deshalb wirkt das Verfahren sowohl bei zu aktiver als auch bei zu träger Blase.

Harnblase und ihre Nervenversorgung
Der stimulierte Nerv versorgt Blase, Enddarm und Beckenboden gemeinsam. Deshalb bessern sich häufig beide Funktionen zugleich.
Illustration: Servier Medical Art, lizenziert unter CC BY 4.0.

Bei welchen Beschwerden

Überaktive Blase mit Dranginkontinenz, wenn Medikamente nicht ausreichen oder nicht vertragen werden.
Nicht obstruktive Harnverhaltung, also eine Blase, die sich nicht entleert, ohne dass ein Hindernis vorliegt. Für diese Situation gibt es kaum andere wirksame Verfahren.
Stuhlinkontinenz, weil derselbe Nerv den Enddarm versorgt. Nicht selten bessern sich beide Probleme gleichzeitig.

Nicht geeignet ist das Verfahren bei einer Belastungsinkontinenz, bei der Urin nur beim Husten oder Heben abgeht, und bei einer Abflussbehinderung, die zuerst beseitigt werden muss.

Der große Vorteil: erst testen, dann entscheiden

Anders als bei fast jedem anderen implantierbaren Verfahren wird zuerst getestet. In einem ersten kleinen Eingriff wird die Elektrode gelegt und mit einem äußeren Testgerät verbunden, das Sie in einer Tasche tragen.

Über zwei bis vier Wochen führen Sie ein Blasentagebuch und beurteilen, ob sich die Beschwerden bessern. Erst wenn sich eine Besserung um mindestens die Hälfte zeigt, wird das Gerät dauerhaft unter die Haut im Gesäßbereich eingesetzt.

Das bedeutet: Niemand bekommt ein Implantat, bei dem sich die Wirkung nicht vorher gezeigt hat. Etwa zwei Drittel bis drei Viertel der Getesteten bestehen die Testphase.

Was die Testphase so aussagekräftig macht: Bei Medikamenten und den meisten Eingriffen erfahren Sie erst hinterher, ob es hilft. Hier ist die Reihenfolge umgekehrt. Nutzen Sie diese Zeit ernsthaft: Führen Sie das Tagebuch genau, leben Sie Ihren normalen Alltag und schonen Sie sich nicht. Ein zu vorsichtig gelebter Testzeitraum liefert ein zu gutes Ergebnis und führt zu einer Enttäuschung danach.

Der Ablauf in zwei Schritten

Erster Eingriff. In Bauchlage und meist in örtlicher Betäubung mit leichter Sedierung wird über eine kleine Punktion am Kreuzbein die Elektrode eingeführt. Während des Eingriffs wird getestet, ob sich die richtige Reaktion zeigt: ein Zusammenziehen des Beckenbodens und eine Bewegung der Großzehe. Diese Reaktion bestätigt die richtige Lage.

Testphase. Die Elektrode bleibt liegen und wird nach außen zu einem tragbaren Gerät geführt. Zwei bis vier Wochen führen Sie Ihr normales Leben und dokumentieren die Beschwerden.

Zweiter Eingriff. Bei ausreichender Besserung wird der Impulsgeber unter die Haut gesetzt und mit der bereits liegenden Elektrode verbunden. Das dauert etwa dreißig Minuten.

Zeigt sich keine Besserung, wird die Elektrode entfernt, und es bleibt nichts zurück außer einer kleinen Narbe.

Leben mit dem Gerät

Das Implantat ist etwa so groß wie eine Streichholzschachtel und liegt unter der Haut oberhalb des Gesäßes. Sie steuern es mit einer Fernbedienung und können die Stärke anpassen oder es vorübergehend ausschalten.

Die meisten spüren ein leichtes Kribbeln im Beckenbereich, das nach einiger Zeit nicht mehr bewusst wahrgenommen wird. Bei Lagewechsel kann sich die Empfindung ändern, weshalb manche Geräte automatisch nachregeln.

Die Batterie hält je nach Modell und Einstellung mehrere Jahre. Aufladbare Systeme werden regelmäßig von außen geladen, nicht aufladbare werden nach Jahren in einem kleinen Eingriff gewechselt.

Zu beachten: Kernspintomografien sind je nach Modell nur eingeschränkt oder unter bestimmten Bedingungen möglich. Sie erhalten einen Implantatausweis, den Sie bei jeder Untersuchung vorzeigen sollten.

Was schiefgehen kann

Die häufigsten Probleme sind Schmerzen an der Implantatstelle, ein Nachlassen der Wirkung durch Verrutschen der Elektrode und Infektionen, die selten sind, dann aber meist die Entfernung erfordern.

Nachfolgeeingriffe sind über die Jahre nicht ungewöhnlich, sei es zur Neupositionierung, zum Batteriewechsel oder zur Anpassung. Das gehört in die Erwartung, macht das Verfahren aber nicht schlechter: Es ist vollständig umkehrbar, das Gerät kann jederzeit entfernt werden.

Häufige Fragen

Spürt man das Gerät?

Unter der Haut ist es tastbar, bei schlanken Menschen leicht sichtbar als kleine Erhebung. Die Stimulation wird als sanftes Kribbeln empfunden, das nicht schmerzhaft sein soll. Ist es unangenehm, wird die Einstellung angepasst.

Was ist, wenn es nicht wirkt?

Dann wird nach der Testphase kein Gerät eingesetzt, und die Elektrode wird wieder entfernt. Genau dafür ist der Test da. Zeigt sich die Wirkung erst später als unzureichend, kann das Gerät ebenfalls vollständig entfernt werden.

Kann ich damit Sport machen?

Nach der Heilungsphase von etwa sechs Wochen ja, weitgehend uneingeschränkt. Zurückhaltung gilt bei Sportarten mit starker Beanspruchung oder direkter Krafteinwirkung im Bereich des Implantats. Schwimmen ist nach vollständiger Wundheilung möglich.

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Quellen

Leitlinien

• European Association of Urology. EAU Guidelines on Urinary Incontinence. Ausgabe 2024.

Studien

• Van Kerrebroeck, P. et al. Long-term results of sacral neuromodulation. BJU International, 2023. PMID 17869298

Reviews

• Siegel, S. et al. Five-Year Followup Results of a Prospective, Multicenter Study of Patients with Overactive Bladder Treated with Sacral Neuromodulation. Journal of Urology, 2018;199(1):229-236. PMID 28709886

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