Von einem Mangel spricht man erst, wenn niedrige Werte mit Beschwerden zusammentreffen: Antriebslosigkeit, Verlust der Libido, Muskelabbau, depressive Verstimmung.
Der Wert allein reicht nicht für eine Diagnose. Er schwankt im Tagesverlauf und muss morgens und mindestens zweimal gemessen werden.
Eine Hormongabe ohne nachgewiesenen Mangel schadet mehr, als sie nützt. Sie unterdrückt die eigene Produktion und die Bildung von Samenzellen.
Der Begriff Klimakterium virile suggeriert eine Entsprechung zu den Wechseljahren der Frau. Diese Entsprechung gibt es nicht, und das Missverständnis führt regelmäßig zu falschen Erwartungen.
Bei der Frau versiegt die Hormonproduktion innerhalb weniger Jahre, und das betrifft praktisch alle. Beim Mann sinkt das Testosteron ab etwa vierzig um durchschnittlich ein Prozent pro Jahr, langsam und individuell sehr unterschiedlich. Die meisten Männer bleiben lebenslang im Normbereich.
Der heute übliche Begriff lautet deshalb Altershypogonadismus, und er beschreibt eine Minderheit: Männer, bei denen tatsächlich zu wenig Testosteron gebildet wird und die darunter Beschwerden haben.
Genannt werden Antriebslosigkeit, Erschöpfung, Stimmungstief, Abnahme von Muskelmasse und Kraft, Zunahme des Bauchfetts, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme und Hitzewallungen.
Das Problem: Alle diese Beschwerden treten auch bei Depression, Schilddrüsenunterfunktion, Schlafapnoe, Diabetes und schlicht bei Überlastung auf. Sie taugen deshalb nicht zur Diagnose.
Aussagekräftiger sind drei sexuelle Zeichen, die deutlich enger mit dem Testosteronspiegel zusammenhängen: nachlassendes sexuelles Verlangen, seltener werdende morgendliche Erektionen und Erektionsstörungen.

Bestimmt wird das Gesamttestosteron im Blut, und dabei sind zwei Bedingungen wichtig, die häufig missachtet werden.
Morgens, zwischen sieben und elf Uhr, weil der Spiegel im Tagesverlauf deutlich abfällt. Ein nachmittags gemessener Wert ist nicht verwertbar.
Zweimal an verschiedenen Tagen, weil die Werte schwanken und ein einzelner niedriger Wert häufig beim zweiten Mal normal ausfällt.
Liegt der Wert im Graubereich, wird zusätzlich das Bindungsprotein SHBG bestimmt, um das frei verfügbare Testosteron zu berechnen. Bei erniedrigtem Wert werden außerdem LH und FSH gemessen, um zu klären, ob die Störung im Hoden selbst oder in der übergeordneten Steuerung liegt.
Nur wenn beides zusammenkommt: eindeutige Beschwerden und ein zweimalig bestätigter niedriger Wert. Ein niedriger Wert ohne Beschwerden wird nicht behandelt, Beschwerden bei normalem Wert ebenfalls nicht.
Zur Verfügung stehen Gel zur täglichen Anwendung auf die Haut, Depotspritzen im Abstand von zehn bis vierzehn Wochen und seltener Pflaster oder Implantate. Das Gel erlaubt die feinste Steuerung, die Spritze ist bequemer.
Überprüft werden der Testosteronspiegel, das Blutbild mit Hämatokrit und der PSA-Wert, jeweils nach drei, sechs und zwölf Monaten, danach jährlich.
Der Hämatokrit ist dabei der Wert, der am häufigsten Anpassungen erzwingt. Steigt er über einen Grenzwert, wird die Dosis reduziert oder pausiert, weil sonst das Risiko für Gefäßverschlüsse steigt.
Bleiben die Beschwerden nach sechs Monaten unverändert, wird die Behandlung beendet. Dann war der niedrige Wert nicht die Ursache, und die Suche geht in eine andere Richtung weiter. Mehr dazu unter Testosteronmangel.
Die größte Untersuchung dazu sind die amerikanischen Testosterone Trials mit knapp 800 Männern über 65 und bestätigt niedrigen Werten. Ein Jahr Testosterongel verbesserte Libido, sexuelle Aktivität und in geringerem Maß die Erektion, die Stimmung besserte sich leicht, die Gehstrecke und die Energie kaum. Die Knochendichte nahm zu, die Blutarmut besserte sich. Auf Gedächtnis und Denkleistung hatte die Behandlung keinen Einfluss. Das ist ein realistischer Maßstab: Wer vor allem unter Libidoverlust und Antriebslosigkeit leidet, profitiert, wer sich jünger fühlen möchte, wird enttäuscht.
Die 2023 veröffentlichte TRAVERSE-Studie mit über 5.000 Männern mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko beantwortete die lange offene Sicherheitsfrage: Unter Testosterongel traten Herzinfarkte und Schlaganfälle nicht häufiger auf als unter Placebo. Etwas häufiger waren Vorhofflimmern, Lungenembolien und akute Nierenschäden. Die Leitlinien sehen das Herzrisiko damit als nicht erhöht an, raten aber weiterhin, Männer mit kürzlichem Infarkt oder Schlaganfall zunächst nicht zu behandeln.
Bei vielen Männern mit grenzwertigen Werten ist die Ursache behandelbar, ohne Testosteron zu geben. Zehn Prozent Gewichtsabnahme heben den Spiegel bei übergewichtigen Männern im Mittel um zwei bis drei nmol/l, weil Bauchfett Testosteron in Östrogen umwandelt. Die Behandlung einer Schlafapnoe mit Atemmaske normalisiert den Wert bei vielen Betroffenen innerhalb von Monaten. Eine gute Blutzuckereinstellung, Verzicht auf Alkohol über kleine Mengen hinaus und das Absetzen von Opioiden oder Anabolika wirken ebenso. Krafttraining hebt den Spiegel akut und verbessert Muskelkraft und Stimmung unabhängig vom Hormon.
Diese Maßnahmen sind kein Trost, sondern nach den Leitlinien der erste Schritt, bevor eine Dauertherapie begonnen wird. Wer sie drei bis sechs Monate konsequent umsetzt und dann immer noch Symptome und niedrige Werte hat, ist ein guter Kandidat für die Hormontherapie. Wer mit 50 unter Müdigkeit leidet und einen Wert von 13 nmol/l hat, ist es nicht.
Nein. Bei nachgewiesenem Mangel bessern sich Libido, Antrieb, Muskelmasse und Knochendichte messbar. Bei normalem Ausgangswert ist kein Nutzen belegt, wohl aber Risiken. Die Anwendung als Anti-Aging-Mittel wird von den Fachgesellschaften ausdrücklich abgelehnt.
In der Regel ja, solange der Nutzen anhält, weil die Eigenproduktion unter der Behandlung zusätzlich gedrosselt wird. Ein Absetzversuch ist möglich, führt aber meist zur Rückkehr der Beschwerden innerhalb von Wochen.
Leitlinien
• European Association of Urology. EAU Guidelines on Male Hypogonadism. Ausgabe 2024.
• Bhasin, S. et al. Testosterone Therapy in Men with Hypogonadism: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. The Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, 2018;103(5):1715-1744. PMID 29562364
Reviews
• Bhasin, S. et al. Testosterone Therapy in Men With Hypogonadism: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism, 2018;103(5):1715-1744. PMID 29562364