Im August 2026 sind im Journal of Urology die Zwei-Jahres-Daten der Phase-3-Studie ENVISION erschienen. Sie untersucht einen Ansatz, der die Behandlung bestimmter Formen von
Blasenkrebs verändern könnte: Statt den Tumor operativ abzutragen, wird er durch wöchentliche Spülungen der Blase aufgelöst. Fachlich heißt das primäre Chemoablation. Für Betroffene bedeutet es im besten Fall: keine Narkose, keine Operation, kein Krankenhausaufenthalt.
Das Problem hinter der Studie
Etwa drei Viertel aller Blasentumoren sind bei der Erstdiagnose nicht muskelinvasiv, wachsen also nur in der Schleimhaut. Ein großer Teil davon ist niedriggradig, also wenig aggressiv, und gehört in die Kategorie mit mittlerem Rückfallrisiko.
Die Standardbehandlung ist die
transurethrale Resektion, bei der der Tumor über die Harnröhre abgetragen wird. Das funktioniert gut, hat aber einen entscheidenden Haken: Bis zu 70 Prozent der Betroffenen entwickeln früher oder später einen neuen Tumor, und jeder Rückfall bedeutet eine erneute Operation in Narkose. Da das mittlere Erkrankungsalter bei über 70 Jahren liegt und viele Betroffene Begleiterkrankungen haben, summiert sich die Belastung erheblich. Manche Patienten kommen im Laufe ihrer Erkrankung auf ein Dutzend Eingriffe und mehr.
Wie die Chemoablation funktioniert
UGN-102, in den USA unter dem Handelsnamen Zusduri zugelassen, ist eine besondere Zubereitung des seit Jahrzehnten bekannten Chemotherapeutikums
Mitomycin. Die Substanz steckt in einem Gel, das eine ungewöhnliche Eigenschaft hat: Bei Kühlschranktemperatur ist es flüssig und lässt sich problemlos über einen dünnen Katheter in die Blase einbringen. Bei Körpertemperatur verfestigt es sich dann zu einer gelartigen Masse.
Der Sinn dahinter ist die Verweildauer. Eine gewöhnliche Blasenspülung wird beim nächsten Wasserlassen ausgeschieden, der Wirkstoff hat also nur ein bis zwei Stunden Kontakt zur Schleimhaut. Das Gel löst sich dagegen über vier bis sechs Stunden langsam auf und gibt das Mitomycin kontinuierlich ab. Damit wird aus einer kurzen Spülung eine mehrstündige lokale Behandlung, und genau das reicht offenbar aus, um kleine Tumoren zum Verschwinden zu bringen.
Verabreicht wird sechsmal im wöchentlichen Abstand, ambulant, ohne Narkose. Etwa drei Monate nach der ersten Gabe wird per
Blasenspiegelung kontrolliert, ob der Tumor verschwunden ist.
Die Ergebnisse
In die Studie wurden 240 Patienten mit wiederkehrendem, niedriggradigem Blasenkrebs mit mittlerem Risiko aufgenommen. 95 Prozent erhielten alle sechs Gaben.
Nach drei Monaten war der Tumor bei 79,6 Prozent vollständig verschwunden. Diese knapp 80 Prozent sind der zentrale Wert der Studie: Vier von fünf Behandelten brauchten zu diesem Zeitpunkt keine Operation.
Die jetzt veröffentlichten Langzeitdaten beantworten die wichtigere Frage, nämlich ob das hält. Von denen, die nach drei Monaten tumorfrei waren, blieben nach der statistischen Auswertung 82 Prozent über zwölf Monate und 72 Prozent über 24 Monate ohne Rückfall, Fortschreiten oder Todesfall. Die mittlere Dauer des Ansprechens war zum Auswertungszeitpunkt noch nicht erreicht, das heißt, mehr als die Hälfte der Ansprecher war am Ende der Beobachtung weiterhin rückfallfrei.
Die häufigsten Nebenwirkungen waren Brennen beim Wasserlassen, Harnwegsinfekte, Blut im Urin und Veränderungen einzelner Laborwerte. Sie waren überwiegend leicht bis mittelschwer ausgeprägt.
Was die Studie nicht zeigt
An dieser Stelle gehört die Einschränkung dazu, die in Pressemeldungen gerne untergeht. ENVISION ist eine einarmige Studie. Es gab keine Vergleichsgruppe, die operiert wurde. Damit lässt sich nicht sagen, ob die Chemoablation besser, gleich gut oder schlechter abschneidet als die klassische Resektion.
Hinzu kommt: Ein Teil der Behandelten spricht nicht an. Bei jedem Fünften war der Tumor nach drei Monaten noch vorhanden oder hatte sich verändert, und diese Patienten mussten anschließend doch operiert werden. Ob dieser Aufschub von drei Monaten in Einzelfällen nachteilig ist, lässt sich aus den bisherigen Daten nicht abschließend beurteilen. Auch das Studienkollektiv war mit 98 Prozent hellhäutigen Teilnehmenden wenig vielfältig.
Was das für Patienten in Deutschland bedeutet
Kurzfristig wenig. Die Zulassung besteht bislang in den USA, für den europäischen Markt wäre ein eigenes Verfahren über die Europäische Arzneimittel-Agentur nötig. Bis dahin bleibt die transurethrale Resektion in Deutschland die Standardbehandlung des nicht muskelinvasiven Blasenkarzinoms, ergänzt um die etablierte Frühinstillation von Mitomycin nach der Operation.
Mittelfristig ist die Richtung dennoch bemerkenswert. Sie passt zu einer Entwicklung, die sich in der gesamten Uro-Onkologie beobachten lässt: weg vom reflexhaften Eingriff, hin zu Verfahren, die die Belastung für ältere und mehrfach erkrankte Menschen senken. Für eine Erkrankung, die den Betroffenen über Jahrzehnte immer wieder in den Operationssaal bringt, ist eine ambulante Alternative ein entsprechend großer Unterschied.
Wichtig für Betroffene: Nichts an diesen Daten spricht dafür, eine anstehende Operation aufzuschieben. Wer einen Blasentumor hat, sollte ihn nach dem hier verfügbaren Standard behandeln lassen. Die Studie ist ein Ausblick, keine Handlungsanweisung.
Weitere Meldungen zum Thema
Quellen
Prasad SM, Shishkov D, Mihaylov NV, et al. UGN-102 for Recurrent Low-Grade Intermediate-Risk Nonmuscle-Invasive Bladder Cancer: 24-Month Duration of Response Results From the Phase 3 ENVISION Trial. Journal of Urology, 2026;216(2):194-205.
Prasad SM, Shishkov D, Mihaylov NV, et al. Primary Chemoablation of Recurrent Low-Grade Intermediate-Risk Nonmuscle-Invasive Bladder Cancer With UGN-102: A Single-Arm, Open-Label, Phase 3 Trial (ENVISION). Journal of Urology, 2025;213(2):205-216.
European Association of Urology. EAU Guidelines on Non-muscle-invasive Bladder Cancer (TaT1 and CIS). Ausgabe 2025.
Leitlinienprogramm Onkologie. S3-Leitlinie Früherkennung, Diagnose, Therapie und Nachsorge des Harnblasenkarzinoms. AWMF-Registernummer 032-038OL, 2024.