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Methenamin (Cystohipp): Antibiotikafreie Vorbeugung wiederkehrender Blasenentzündungen

August 2026
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Seit Juli 2026 ist in Deutschland erstmals ein Medikament auf dem Markt, das wiederkehrenden Harnwegsinfekten vorbeugt, ohne ein Antibiotikum zu sein: Methenaminhippurat, hierzulande unter dem Handelsnamen Cystohipp. Die Zulassung durch die deutschen Behörden war bereits im November 2025 erteilt worden, die Markteinführung verzögerte sich mehrfach und erfolgte schließlich im Juli. In Großbritannien, Skandinavien und Irland wird der Wirkstoff seit Jahren unter dem Namen Hiprex eingesetzt. Für Frauen mit ständig wiederkehrenden Blasenentzündungen schließt sich damit eine Lücke, die in der deutschen Versorgung lange spürbar war.

Warum eine antibiotikafreie Prophylaxe gebraucht wird

Von einer rezidivierenden Harnwegsinfektion spricht man ab drei Episoden pro Jahr oder zwei Episoden innerhalb eines halben Jahres. Betroffen sind ganz überwiegend Frauen. Wer in dieses Muster gerät, bekommt bislang häufig eine antibiotische Langzeitprophylaxe über mehrere Monate, meist mit Nitrofurantoin, Trimethoprim oder Fosfomycin in großen Abständen. Diese Strategie wirkt, hat aber einen Preis. Jede Dauergabe eines Antibiotikums begünstigt die Auslese resistenter Keime, und zwar nicht nur in der Blase, sondern im gesamten Darm- und Hautmikrobiom. Bei einer Erkrankung, die über Jahre immer wiederkehrt, summiert sich das. Genau hier setzt der neue Ansatz an.

Wie Methenamin wirkt

Methenamin ist kein Antibiotikum, sondern ein Harnantiseptikum. Der Wirkstoff wird unverändert über die Nieren ausgeschieden und zerfällt erst im sauren Urin zu Formaldehyd. Dieses wirkt unspezifisch keimtötend, direkt am Ort des Geschehens in der Blase. Der entscheidende Unterschied zum Antibiotikum liegt im Wirkprinzip. Formaldehyd greift Bakterien nicht an einer spezifischen Zielstruktur an, gegen die sich eine Resistenz entwickeln könnte, sondern denaturiert Eiweiße unspezifisch. Eine klassische Resistenzentwicklung ist deshalb nicht zu erwarten, und das ist der eigentliche Grund für das Interesse an der Substanz. Voraussetzung für die Wirkung ist allerdings ein ausreichend saurer Urin, weshalb der Wirkstoff bei stark alkalischem Urin, etwa durch harnstoffspaltende Bakterien wie Proteus, an Wirksamkeit verliert.

Was die Studienlage hergibt

Die wichtigste Untersuchung ist die britische ALTAR-Studie, veröffentlicht 2022 im British Medical Journal. Sie verglich Methenaminhippurat direkt mit der leitliniengerechten antibiotischen Dauerprophylaxe bei Frauen mit rezidivierenden Harnwegsinfektionen und war als Nichtunterlegenheitsstudie angelegt. Das Ergebnis: Die Zahl der Infektionsepisoden unterschied sich zwischen beiden Gruppen nicht relevant. Methenamin war der antibiotischen Prophylaxe also nicht unterlegen. Gleichzeitig fanden sich in der Antibiotikagruppe deutlich häufiger resistente Erreger. Für ältere Frauen wird der Ansatz derzeit in einer weiteren europäischen Studie geprüft. Wichtig zur Einordnung: Nichtunterlegenheit heißt nicht Überlegenheit. Methenamin verhindert Infekte nicht besser als Antibiotika, es verhindert sie etwa gleich gut und dabei ohne Resistenzdruck. Genau dieser Unterschied macht es für eine Dauertherapie interessant.

Für wen kommt Methenamin infrage?

Die Zulassung ist eng gefasst und gilt der Vorbeugung, nicht der Behandlung. Bei einer akuten Blasenentzündung mit Brennen und Drang hilft Methenamin nicht, hier bleiben die etablierten kurzen Antibiotikatherapien der Standard. Geeignet ist der Wirkstoff vor allem für Frauen mit wiederkehrenden unkomplizierten Infekten der unteren Harnwege, bei denen behandelbare Ursachen zuvor ärztlich abgeklärt wurden. Denn bevor überhaupt eine medikamentöse Dauerprophylaxe beginnt, gehören die einfachen Dinge geprüft: ausreichende Trinkmenge, Miktion nach dem Geschlechtsverkehr, Verzicht auf Intimwaschlotionen, bei Frauen nach den Wechseljahren die lokale Östrogenbehandlung. Mehr dazu in unserem Ratgeber zum Vorbeugen von Blasenentzündungen. Nicht geeignet ist Methenamin bei schwerer Nieren- oder Leberfunktionsstörung, bei Gicht sowie bei Dehydratation. Auch bei komplizierten Harnwegsinfekten, etwa bei liegendem Dauerkatheter oder anatomischen Besonderheiten, ist die Datenlage dünn.

Praktische Anwendung

Das Präparat enthält 1 Gramm Methenaminhippurat pro Tablette und wird zweimal täglich eingenommen. Es ist verschreibungspflichtig. Die Behandlung ist als Langzeitprophylaxe angelegt und sollte nach etwa sechs Monaten und danach jährlich auf ihre Notwendigkeit überprüft werden. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden und Hautausschläge, insgesamt gilt die Substanz als gut verträglich. Zu beachten ist die Wechselwirkung mit harnalkalisierenden Mitteln, etwa Citratpräparaten aus der Steintherapie: Sie heben den Urin-pH an und können die Wirkung von Methenamin aufheben. Wer wegen Nierensteinen alkalisierende Präparate einnimmt, sollte das ansprechen.

Was das für Betroffene bedeutet

Für Frauen, die seit Jahren zwischen Infekt und Antibiotikum pendeln, ist die Verfügbarkeit in Deutschland eine echte Erweiterung der Optionen. Sie ersetzt aber weder die Ursachensuche noch die allgemeinen Vorbeugemaßnahmen, und sie ist kein Mittel für den Akutfall. Sinnvoll ist das Gespräch mit der behandelnden Praxis, wenn Sie mehr als dreimal im Jahr eine Blasenentzündung haben, wenn Sie bereits eine antibiotische Dauerprophylaxe nehmen oder wenn bei Ihnen bereits resistente Erreger nachgewiesen wurden. In diesen drei Konstellationen ist Methenamin am ehesten einen Versuch wert.

Quellen

Gelbe Liste Pharmindex. Erstmalig steht Methenaminhippurat oral zur Prophylaxe von Harnwegsinfektionen in Deutschland zur Verfügung. Meldung vom 7. Juli 2026.
Harding C, Mossop H, Homer T, et al. Alternative to prophylactic antibiotics for the treatment of recurrent urinary tract infections in women: multicentre, open label, randomised, non-inferiority trial (ALTAR). BMJ, 2022;376:e068229.
Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU). S3-Leitlinie Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten. AWMF-Register-Nr. 043-044.
Chwa A, Kavanagh K, Linnebur SA, Fixen DR. Evaluation of methenamine for urinary tract infection prevention in older adults: a review of the evidence. Therapeutic Advances in Drug Safety, 2019;10:2042098619876749.
Quelle: UroWissen.de, unabhängige urologische Patienteninformation. Dieser Ausdruck ersetzt keine ärztliche Beratung.
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