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In einfachen WortenDer Stockholm3-Test ist ein Bluttest, der mehrere Eiweiße, genetische Merkmale und persönliche Angaben zu einem Risikowert verrechnet. Er soll genauer sagen als der PSA-Wert allein, wer eine Gewebeprobe braucht.Weiterlesen
In Studien fand er ähnlich viele bedeutsame Tumoren wie der PSA-Test, bei deutlich weniger Biopsien.
Wichtig zu wissen: Er ersetzt weder das MRT noch die Gewebeprobe. Er hilft bei der Entscheidung, ob weiter untersucht wird.
Die Kasse zahlt ihn nicht. Er kostet mehrere hundert Euro und wird als Selbstzahlerleistung angeboten. Ob er den Preis wert ist, ist eine persönliche Abwägung.
Überblick
Der Stockholm3-Test ist ein Bluttest für die Prostatakrebs-Früherkennung. Entwickelt am schwedischen Karolinska-Institut von Prof. Henrik Grönberg, kombiniert er fünf Proteinmarker, über 100 genetische Marker und klinische Daten in einem validierten Algorithmus. Das Ergebnis ist eine personalisierte Risikoabschätzung, die Wahrscheinlichkeit, ein klinisch signifikantes Prostatakarzinom zu haben (Gleason mindestens 7 / ISUP mindestens 2). In den großen Studien wurden weniger Biopsien durchgeführt als bei alleiniger PSA-Bestimmung, bei vergleichbarer Entdeckungsrate für Tumoren ab Gleason 7. Wie bei jedem Test kann auch hier ein Karzinom unentdeckt bleiben.
Der Test wird in Schweden und Norwegen bereits in der Versorgung eingesetzt und wurde 2023 in den US-amerikanischen AUA-Leitlinien als Biomarker-Option aufgeführt. Das britische NICE hat 2022 die Studienlage in einem Kurzbericht zusammengefasst, eine Empfehlung ist das nicht. In Deutschland ist Stockholm3 in einer wachsenden Zahl spezialisierter urologischer Zentren verfügbar; eine aktuelle Übersicht anbietender Praxen und Kliniken findet sich beim Hersteller unter stockholm3.de.
- Stockholm3-Test: Bessere Prostatakrebs-Früherkennung als PSA
November 2025
Wie der Stockholm3-Test funktioniert
Der klassische PSA-Test misst nur einen einzigen Wert: die Konzentration des prostataspezifischen Antigens im Blut. Das Problem: PSA ist ein Organmarker, kein Tumormarker. Ein erhöhter Wert kann auch durch eine gutartige Vergrößerung (BPH), Entzündung oder mechanische Reizung entstehen. In der typischen diagnostischen Grauzone bei PSA-Werten zwischen 4 und 10 ng/ml sind 70 bis 75 Prozent der nachfolgenden Biopsien negativ, eine erhebliche Belastung für die Patienten.
Stockholm3 setzt hier an: Aus einer einzigen Blutprobe werden im Labor fünf Proteinmarker, über 100 SNPs (Einzelnukleotid-Polymorphismen) und klinische Anamnesedaten zu einem individuellen Risikoscore verrechnet. Der Score gibt die Wahrscheinlichkeit in Prozent an, einen klinisch signifikanten Tumor zu haben.
Die fünf gemessenen Proteine sind Gesamt-PSA, freies PSA, das humane Kallikrein 2 (hK2 / KLK2), das Prostata-Sekret-Protein 94 (PSP94, auch MSMB genannt) sowie der Wachstumsdifferenzierungsfaktor 15 (GDF15, früher MIC1). Jedes dieser Proteine liefert eine eigene Information: hK2 ist eng mit aggressiven Tumoren assoziiert, freies PSA differenziert zwischen gutartigen und bösartigen Ursachen einer PSA-Erhöhung, GDF15 reflektiert systemische Tumoraktivität, PSP94 ist bei aggressiven Karzinomen typischerweise erniedrigt.
Die genetische Komponente unterscheidet Stockholm3 von Tests, die allein auf Eiweiße im Blut setzen. Über 100 SNPs werden analysiert, Genvarianten, deren Kombination das individuelle Lebenszeit-Risiko für Prostatakrebs beeinflusst. Diese SNPs liegen in Regionen, die mit Hormonsignalwegen, DNA-Reparatur und Zellwachstum assoziiert sind. Es werden ausdrücklich keine ganzen Gene oder Krebsanfälligkeitssyndrome (wie BRCA) bestimmt, die genetische Information ist beschränkt auf Risikoabschätzung für das Prostatakarzinom.
Hinzu kommen klinische Daten aus der Anamnese: Alter, Familienanamnese (Verwandte ersten Grades mit Prostatakrebs), vorangegangene Biopsien sowie die Einnahme von 5-Alpha-Reduktase-Hemmern (Finasterid, Dutasterid, diese senken den PSA-Wert künstlich um etwa 50 Prozent). Der Algorithmus integriert all diese Faktoren in einen prozentualen Risikoscore.
Klinische Evidenz
Die wichtigsten Daten stammen aus großen prospektiven Studien in Schweden sowie aus Studien in Mitteleuropa und den USA. Weitere Biomarkertests wie 4Kscore, der Prostate Health Index und Proclarix verfolgen ähnliche Ziele. Ein direkter Vergleich der Tests untereinander in einer randomisierten Studie liegt nicht vor.
Die Original-STHLM3-Studie (Grönberg et al., Lancet Oncology 2015) untersuchte 58.818 Männer im Alter von 50 bis 69 Jahren in Stockholm, bei denen jeweils PSA und Stockholm3 bestimmt wurden. Stockholm3 erkannte klinisch signifikante Karzinome (Gleason mindestens 7) genauso zuverlässig wie der PSA-Wert, hätte aber 32 Prozent der Biopsien erspart, darunter 44 Prozent der Biopsien ohne Krebsbefund. Gleichzeitig sank die Überdiagnostik klinisch insignifikanter Tumoren (Gleason 6) um 17 Prozent. Diese Tumoren werden heute überwiegend per Active Surveillance beobachtet, weil sie zu Lebzeiten meist keine Beschwerden verursachen, ihre Entdeckung führt aber zu Verunsicherung, weiteren Untersuchungen und mitunter zu Übertherapie.
Die Nachfolgestudie STHLM3-MRI (Nordström et al., Lancet Oncology 2021) prüfte den Test zusammen mit der Magnetresonanztomographie (in der Studie ein verkürztes, biparametrisches MRT). Die Kaskade Stockholm3 → MRT bei erhöhtem Score → gezielte Biopsie bei PI-RADS mindestens 3 wurde mit dem bisherigen Vorgehen aus PSA-Wert und systematischer Biopsie verglichen. Sie fand mehr bedeutsame und weniger harmlose Tumoren und brauchte weniger Biopsien. Ein Teil dieses Vorteils geht auf das MRT zurück.
Eine Auswertung derselben Studie mit zwei Jahren Nachbeobachtung über das schwedische Krebsregister (Palsdottir et al., Annals of Internal Medicine 2026) erfasste auch Tumoren, die zunächst unentdeckt blieben. Von 12.670 Männern erkrankten 443 an einem bedeutsamen Tumor. Ein Stockholm3-Wert ab 11 Prozent hatte 90 Prozent davon angezeigt, ein PSA-Wert ab 3 ng/ml 74 Prozent. Fehlalarme waren mit beiden Tests etwa gleich häufig. Einschränkungen: Nur jeder vierte eingeladene Mann nahm teil, die Nachbeobachtung war kurz und die Teilnehmer stammten überwiegend aus Schweden.
Dieselbe Studie verglich Stockholm3 auch direkt mit dem PSA-Wert. In einem populationsbasierten Screening-Setting in Stockholm zeigte sich: Bei einer Grenze von 15 Prozent wurde die gleiche Anzahl klinisch signifikanter Karzinome detektiert wie mit PSA mindestens 3 ng/ml, allerdings mit 36 Prozent weniger MRT-Untersuchungen und 8 Prozent weniger Biopsien. Bei der niedrigeren Grenze von 11 Prozent zeigte Stockholm3 sogar eine bessere Detektionsrate als PSA, um den Preis von etwas mehr MRTs.
Im August 2022 hat das britische National Institute for Health and Care Excellence (NICE) einen Kurzbericht zu Stockholm3 veröffentlicht (Medtech Innovation Briefing MIB303). Er fasst veröffentlichte Studien zusammen, enthält aber keine Empfehlung und ist keine Leitlinie. Berücksichtigt wurden sieben Studien, darunter STHLM3, STHLM3-MRI, eine Auswertung aus der norwegischen Versorgung und mehrere gesundheitsökonomische Modellrechnungen. Die oft genannte Zahl von über 460.000 Teilnehmern ist die Summe dieser sehr unterschiedlichen Studien, keine einzelne Prüfgruppe. NICE hält weitere vergleichende Studien im britischen Gesundheitssystem für nötig und aktualisiert diese Kurzberichte seit 2023 nicht mehr.
Die SEPTA-Studie hat Stockholm3 an 2.129 Männern in einer multiethnischen US-Kohorte geprüft und 2024 veröffentlicht. Das Ergebnis: bei ähnlicher Trefferquote wie der PSA-Wert ab 4 ng/ml eine fast dreimal so hohe Spezifität, der Test schlug also deutlich seltener falschen Alarm. Die Zahl der Biopsien ohne bedeutsamen Befund sank um 45 von hundert. Die Werte waren über alle untersuchten Gruppen hinweg vergleichbar. Eine prospektive Studie an zwei Schweizer und einem deutschen Zentrum mit 342 Männern fand ebenfalls eine bessere Unterscheidung als mit dem PSA-Wert. Mit der Grenze von 11 Prozent wären dort 21 Prozent der Biopsien entfallen, dabei wären aber 8 Prozent der bedeutsamen Tumoren übersehen worden.
Für wen ist der Test sinnvoll?
Stockholm3 ist nicht für jeden Mann gedacht, sondern gezielt für die diagnostische Grauzone, in der die klassische PSA-Diagnostik an ihre Grenzen stößt. Der Hersteller gibt als Anwendungsbereich Männer im Alter von 45 bis 74 Jahren an. Der Test trägt eine CE-Kennzeichnung nach der Verordnung über In-vitro-Diagnostika, eine behördliche Zulassung wie bei Arzneimitteln gibt es dafür nicht. Er richtet sich an Männer, die noch keine Prostatakrebsdiagnose hatten und deren PSA-Wert über 1,5 ng/ml liegt.
Besonders wertvoll ist Stockholm3 in folgenden Situationen: Bei Männern mit moderat erhöhtem PSA-Wert zwischen 1,5 und 10 ng/ml steht häufig die Frage „Biopsie ja oder nein?“ im Raum. Hier ist der Anteil falsch-positiver PSA-Werte hoch, und Stockholm3 kann diese Entscheidung nach den vorliegenden Studien präziser unterstützen. Bei Männern mit negativer Erstbiopsie und weiterhin erhöhtem PSA ist die diagnostische Unsicherheit besonders groß, der Test hilft, das Risiko einer übersehenen Erkrankung realistisch einzuschätzen.
Auch bei positiver Familienanamnese (Vater oder Bruder mit Prostatakrebs) liefert Stockholm3 mehr Information als PSA allein, weil die genetische Komponente das familiäre Risiko algorithmisch berücksichtigt. Bei Männern unter 5-Alpha-Reduktase-Hemmer-Therapie (Finasterid, Dutasterid) senkt das Medikament den PSA-Wert um etwa die Hälfte. Die Einnahme wird beim Test angegeben und fließt in die Berechnung ein. Gesonderte Studiendaten dazu, wie zuverlässig das den Effekt ausgleicht, haben wir nicht gefunden.
Weniger sinnvoll ist Stockholm3 bei sehr niedrigen PSA-Werten unter 1,5 ng/ml, das Risiko eines klinisch signifikanten Tumors ist hier so gering, dass der Test keine zusätzliche Entscheidungssicherheit bringt. Auch bei sehr hohen PSA-Werten über 20 ng/ml ist der Test nicht indiziert: Hier ist die Wahrscheinlichkeit eines fortgeschrittenen Karzinoms so hoch, dass MRT und Biopsie ohnehin direkt indiziert sind. Bei Männern mit bereits diagnostiziertem Prostatakarzinom hat Stockholm3 keine Rolle in der Verlaufskontrolle, der Test ist ein Früherkennungs-Instrument.
Stockholm3 im Vergleich zu anderen Biomarkertests
Mit Stockholm3, 4Kscore, PHI (Prostate Health Index), Proclarix und dem genetischen SelectMDx existieren mehrere Biomarkertests, die das gleiche Ziel verfolgen: die Spezifität der Prostatakrebs-Früherkennung über den reinen PSA-Wert hinaus zu verbessern. Sie unterscheiden sich aber deutlich in Aufbau, Evidenz und Anwendung.
Der 4Kscore (USA) misst vier Kallikrein-Marker (Gesamt-PSA, freies PSA, intaktes PSA, hK2) plus klinische Variablen. Er hat keine genetische Komponente. Ein direkter Vergleich mit Stockholm3 in derselben Studie fehlt. Die Pivotstudie umfasste rund 1.000 Patienten. In Deutschland aktuell nur eingeschränkt verfügbar.
Der PHI (Prostate Health Index) kombiniert Gesamt-PSA, freies PSA und [-2]proPSA zu einem Score. Er ist die einfachste der drei Optionen und wird von vielen Labors angeboten. Auch hier fehlt ein direkter Vergleich mit Stockholm3 in derselben Studie.
Stockholm3 hat als einziger der etablierten Tests eine genetische Komponente: das ist ein konzeptioneller Vorteil, weil das individuelle Lebenszeitrisiko für Prostatakrebs zu rund 50 Prozent erblich determiniert ist. Ein direkter Vergleich mit 4Kscore und PHI in derselben Studie fehlt bisher. In einer schwedischen Screeningstudie (Waldén 2022) führte Stockholm3 zu weniger Biopsien als ein Vorgehen nach den nationalen Leitlinien oder mit MRT allein.
Welcher Test im Einzelfall sinnvoll ist, hängt von Verfügbarkeit, Kosten und der konkreten klinischen Frage ab. Der behandelnde Urologe kann am besten beurteilen, welcher Test in einer gegebenen Situation den größten Zusatznutzen liefert. Die deutsche Leitlinienlage empfiehlt aktuell keinen spezifischen Biomarkertest, sie listet sie als Option in der Grauzone zwischen PSA und Biopsie.
Ablauf: Wie der Test in der Praxis durchgeführt wird
Praktisch ist der Stockholm3-Test einfach: Es genügt eine venöse Blutabnahme (zwei EDTA-Röhrchen à 4 ml). Nüchtern muss man nicht sein. Eine normale Tastuntersuchung verändert den PSA-Wert nach der europäischen Leitlinie nicht. Weil der PSA-Wert Teil des Tests ist, gelten aber dieselben Regeln wie beim PSA-Test: nach einer Biopsie mindestens einen Monat warten, eine Harnwegsinfektion oder Prostataentzündung erst ausheilen lassen und vorher auf einen Samenerguss verzichten.
Die Probe wird ins Stockholm3-Referenzlabor in Schweden versandt, in Deutschland erfolgt die Logistik typischerweise über den anbietenden Urologen oder ein zertifiziertes Partnerlabor. Die Anamnese wird vom behandelnden Arzt auf einem standardisierten Einsendeschein dokumentiert: Alter, Familienanamnese, frühere Biopsien, Medikation. Diese Angaben fließen in die Score-Berechnung ein.
Das Ergebnis liegt in der Regel nach 7 bis 10 Werktagen beim einsendenden Arzt vor. Der Befund enthält den Prostatakrebs-Risikoscore in Prozent (Wahrscheinlichkeit eines klinisch signifikanten Karzinoms), die Einordnung in eine von drei Kategorien (geringes, normales oder erhöhtes Risiko) und eine Empfehlung zum weiteren Vorgehen.
In Deutschland ist Stockholm3 eine Selbstzahlerleistung (IGeL): Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht. Der Preis liegt je nach anbietendem Zentrum typischerweise bei 395 bis 480 €. Ob eine private Krankenversicherung den Test bezahlt, entscheidet sie im Einzelfall. Ein Antrag auf Kostenübernahme vorab ist sinnvoll.
Diagnostikpfad: Vom Stockholm3-Score zur Therapieentscheidung
Das Stockholm3-Ergebnis ist nie eine Therapieempfehlung, sondern eine präzisere Risikoabschätzung, aus der sich der nächste Diagnostikschritt ableitet. Der typische Pfad:
Die Grenze von 11 Prozent ist die übliche Schwelle für eine weitere Abklärung, so verwenden sie auch die Labore. In der Studie STHLM3-MRI wurde zusätzlich eine Grenze von 15 Prozent geprüft: Sie fand ebenso viele bedeutsame Tumoren wie ein PSA-Wert ab 3 ng/ml, mit weniger MRT-Untersuchungen. Ein Score unter 11 Prozent ist keine Entwarnung für jeden Fall: Ein auffälliger Tastbefund, ein weiter steigender PSA-Wert oder Beschwerden werden trotzdem abgeklärt.
Was die Risiko-Score-Werte bedeuten
Der wichtigste Punkt zum Verständnis: Der Stockholm3-Score ist kein Tumor-Diagnose-Wert, sondern ein Wahrscheinlichkeitswert. Ein Score von 12 Prozent bedeutet: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 12 Prozent liegt aktuell ein klinisch signifikantes Prostatakarzinom (Gleason mindestens 7) vor. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 88 Prozent ist das nicht der Fall.
Bei einem geringen Risiko (Score unter 11 Prozent) ist ein bedeutsamer Tumor unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Meist wird dann auf MRT und Biopsie verzichtet. Die Laborangaben zum Test nennen eine Wiederholung nach 2 bis 6 Jahren. Wann genau und ob vorher weitere Untersuchungen sinnvoll sind, legt der Urologe nach Alter, Tastbefund, PSA-Verlauf und Risikofaktoren fest.
Bei einem mittleren Risiko (Score 11 bis 15 Prozent) ist eine multiparametrische MRT der Prostata indiziert. Diese erlaubt eine bildgebende Beurteilung verdächtiger Areale und liefert den PI-RADS-Score (Prostate Imaging Reporting and Data System, 1 bis 5). PI-RADS mindestens 3 ist ein Hinweis auf einen abklärungsbedürftigen Befund und führt typischerweise zur gezielten MRT-Ultraschall-Fusionsbiopsie.
Bei einem hohen Risiko (Score über 15 Prozent) ist ein bedeutsamer Tumor deutlich wahrscheinlicher. Auch dann folgt in der Regel zuerst ein MRT, danach entscheidet der Befund über die Biopsie.
Wichtig: Ein hoher Score bedeutet nicht automatisch Krebs, ein niedriger Score schließt Krebs nicht 100-prozentig aus. Der Test verschiebt die Wahrscheinlichkeiten, er ist ein präzises Werkzeug der Risikoabschätzung, kein binärer Test.
Limitationen und offene Fragen
So vielversprechend Stockholm3 ist, ein paar Einschränkungen gehören zur ehrlichen Bewertung. Der Test ist nicht für Männer unter 45 oder über 74 Jahren validiert. Bei sehr jungen Männern ist die Vortestwahrscheinlichkeit für aggressive Karzinome zu niedrig, bei sehr alten Männern verschiebt sich das Verhältnis von Lebensqualität versus Therapierisiko fundamental, hier ist die Frage nach einer Diagnose oft weniger relevant als die Frage nach der konkreten Therapie.
Die genetische Komponente wurde primär an nordeuropäischen Populationen kalibriert. In der SEPTA-Studie aus den USA waren die Ergebnisse bei Männern asiatischer, afroamerikanischer, hispanischer und europäischer Herkunft ähnlich. Die Studie in der Schweiz und Deutschland war mit 342 Männern klein.
Aktuell fehlen randomisierte Daten zum langfristigen Mortalitätseffekt: also der Frage, ob die durch Stockholm3 ermöglichte präzisere Diagnostik tatsächlich Leben rettet im Vergleich zur klassischen PSA-Strategie. Wie gut der Test bedeutsame Tumoren erkennt, ist dagegen in mehreren großen Studien untersucht. Eine Auswertung der ersten STHLM3-Studie über rund neun Jahre (Vigneswaran et al., European Urology 2026) gibt einen Hinweis: Tumoren, die nur Stockholm3 und nicht der PSA-Wert angezeigt hatte, kehrten nach der Behandlung häufiger in aggressiver Form zurück. Sie waren also eher bedeutsam. Die Zahl dieser Männer war klein.
Stockholm3 ist eine Selbstzahlerleistung. Bei sehr begrenztem Budget oder Männern, bei denen der PSA-Wert ohnehin so hoch ist, dass MRT und Biopsie sicher indiziert sind, bringt der Test keinen Mehrwert. Eine vorherige urologische Beratung, am besten in einer Sprechstunde mit Erfahrung im Test, stellt sicher, dass die Indikation passt.
Verfügbarkeit in Deutschland
Stockholm3 ist in Deutschland an einer wachsenden Zahl spezialisierter urologischer Zentren verfügbar. Die Logistik wird über den Hersteller A3P Biomedical AB (Stockholm) und kooperierende Partnerlabore in Deutschland abgewickelt. Eine aktuelle Liste anbietender Praxen und Kliniken findet sich beim Hersteller unter stockholm3.de.
Diese Aufstellung stammt von A3P Biomedical und nicht aus den strukturierten Qualitätsberichten. Sie ist deshalb weder vollständig noch von uns geprüft und erscheint aus diesem Grund auch nicht in unserem Klinikfinder, der ausschließlich amtliche Daten auswertet. Die jeweils aktuelle Fassung führt der Hersteller unter stockholm3.de. Fragen Sie auch in Ihrer urologischen Praxis nach, ob der Test dort bereits angeboten wird.
Die typischen Schritte vom Erstkontakt bis zum Befund: urologische Beratung mit Indikationsprüfung, venöse Blutentnahme, Versand der Probe ins Referenzlabor in Schweden, Befundeingang nach 7 bis 10 Werktagen, Besprechung des Ergebnisses und ggf. Festlegung weiterer Schritte. Bei privater Krankenversicherung empfiehlt sich, eine Kostenübernahme vor Durchführung schriftlich zu klären, die Erstattung erfolgt zunehmend nach individueller Prüfung.
Wichtig zu wissen: Stockholm3 ist keine Massenuntersuchung wie der reine PSA-Test, sondern eine differenzierte Diagnostik, die in eine sorgfältige urologische Bewertung eingebettet werden sollte. Sinnvoll ist daher, den Test in einem Zentrum mit Erfahrung in Biomarker-Diagnostik durchführen zu lassen, nicht über reine Selbst-Bestellung. Welcher Anbieter für Sie infrage kommt, hängt von Wohnort, persönlicher Versorgungssituation und, falls vorhanden: einer bestehenden urologischen Anbindung ab.
Diese Fragen helfen, das Gespräch zu strukturieren. Über die Druckfunktion können Sie die Liste mitnehmen.
Häufige Fragen (FAQ)
Nein. Stockholm3 verwendet den PSA-Wert sogar als einen seiner fünf Proteinmarker und kombiniert ihn mit weiteren Daten zu einem präziseren Risikoscore. PSA bleibt als initialer Triagetest sinnvoll, Stockholm3 kommt zum Einsatz, wenn der PSA-Wert in der Grauzone liegt (1,5 bis 10 ng/ml) und die Frage „Biopsie ja oder nein?“ konkret im Raum steht. Auch die digital-rektale Untersuchung bleibt weiterhin Bestandteil der Vorsorge.
In Deutschland aktuell nicht. Stockholm3 ist eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) und wird vom Patienten selbst getragen, typischerweise 395 € bis 480 €. Ob eine private Krankenversicherung den Test bezahlt, entscheidet sie im Einzelfall. Eine Anfrage an die Versicherung vor Durchführung ist sinnvoll.
Keine besonderen. Nüchtern muss man nicht sein, eine normale Tastuntersuchung verändert den PSA-Wert nicht. Da der PSA-Wert in den Test eingeht, gelten dieselben Regeln wie beim PSA-Test: nach einer Biopsie mindestens einen Monat warten, Infekte erst ausheilen lassen und vorher auf einen Samenerguss verzichten. Eine venöse Blutprobe genügt.
Bei einem Score unter 11 Prozent ist die Wahrscheinlichkeit eines klinisch signifikanten Prostatakarzinoms sehr niedrig, aber nicht null. In einer Studie an Männern in der Schweiz und Deutschland, bei denen ohnehin eine Biopsie geplant war, wären mit dieser Grenze 8 Prozent der bedeutsamen Tumoren übersehen worden. Ob danach auf MRT und Biopsie verzichtet wird und wann der Test wiederholt wird, entscheidet der Urologe zusammen mit Tastbefund, PSA-Verlauf und Risikofaktoren. Die Laborangaben nennen eine Wiederholung nach 2 bis 6 Jahren. Bei zwischenzeitlichen Beschwerden, neu aufgetretenen Risikofaktoren oder familiären Krebsdiagnosen ist eine erneute urologische Bewertung sinnvoll.
Stockholm3 analysiert über 100 Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNPs), die das Risiko für ein Prostatakarzinom beeinflussen. Diese SNPs sind keine Krankheitsmutationen, sondern häufige Genvarianten, deren Kombination ein Risikoprofil ergibt. Im Gegensatz dazu testen genetische Krebstests wie BRCA1/BRCA2 oder Lynch-Syndrom-Panels gezielt seltene Mutationen mit hohem Penetrationsrisiko. Stockholm3 liefert keine Information zu solchen erblichen Hochrisiko-Syndromen, wenn bei familiärer Häufung ein Verdacht auf eine erbliche Krebsdisposition besteht, ist eine humangenetische Beratung der richtige Weg.
- Der Test führt zu deutlich weniger Biopsien ohne Befund und erkennt bedeutsame Tumoren mindestens so zuverlässig wie der PSA-Wert. In einer schwedischen Screeningstudie mit zwei Jahren Nachbeobachtung zeigte er mehr bedeutsame Tumoren an als der PSA-Wert. Belegt in großen Studien aus Schweden, zuletzt auch in einer multiethnischen US-Kohorte.
- Er wird in Schweden und Norwegen bereits in der Versorgung eingesetzt.
- Ob der Test die Sterblichkeit an Prostatakrebs senkt, ist nicht belegt. Dafür wären Studien über viele Jahre nötig.
- Ein direkter Vergleich mit anderen Bluttests wie 4Kscore oder dem Prostate Health Index in derselben Studie fehlt.
- Die Kosten trägt die Krankenkasse nicht. Ob sich der Aufwand für den einzelnen Mann lohnt, ist eine persönliche Abwägung, keine belegte Tatsache.
Quellen
Studien
• Grönberg, H. et al. (2015). Prostate cancer screening in men aged 50-69 years (STHLM3): a prospective population-based diagnostic study. Lancet Oncology, 16(16), 1667-1676. PMID 26563502
• Nordström, T. et al. (2021). Prostate cancer screening using a combination of risk-prediction, MRI, and targeted prostate biopsies (STHLM3-MRI). Lancet Oncology, 22(9), 1240-1249. PMID 34391509
• Vigneswaran, H. T. et al. (2024). Stockholm3 in a Multiethnic Cohort for Prostate Cancer Detection (SEPTA): A Prospective Multicentered Trial. Journal of Clinical Oncology, 42(32), 3806-3816. PMID 39038251
• Lazarovich, A. et al. (2025). A Comparison of Stockholm3, Serum Biomarkers, and Risk Calculators to Predict Prostate Cancer in a Racially and Ethnically Diverse Cohort. Journal of Urology, 213(5), 590-599. PMID 40202133
• Elyan, A. et al. (2024). Prospective Multicenter Validation of the Stockholm3 Test in a Central European Cohort. European Urology Focus, 10(4), 620-626. PMID 37813730
• Waldén, M. et al. (2022). A Head-to-head Comparison of Prostate Cancer Diagnostic Strategies Using the Stockholm3 Test, Magnetic Resonance Imaging, and Swedish National Guidelines. European Urology Open Science, 38, 32-39. PMID 35495282
• Palsdottir, T. et al. (2026). Stockholm3-Magnetic Resonance Imaging Population-Based Prostate Cancer Screening Study: Two-Year Follow-up. Annals of Internal Medicine, 179(7), 988-995. PMID 42330502
• Vigneswaran, H. T. et al. (2026). Stockholm3 Versus Prostate-specific Antigen in Prostate Cancer Screening: 9-year Outcomes from the STHLM3 Trial. European Urology, 89(1), 82-90. PMID 41107178