Innovation

Künstliche Intelligenz in der Urologie: Von der Diagnostik bis zur OP-Planung

September 2025
Die Urologie zählt zu jenen Disziplinen, in denen künstliche Intelligenz besonders rasch Eingang in den klinischen Alltag findet. Das hat einen einfachen Grund. Diagnostische Verfahren wie Bildgebung, mikroskopische Befundung und laborchemische Auswertung erzeugen große Datenmengen, die sich gut für die maschinelle Analyse eignen. Gleichzeitig sind viele Entscheidungen in der Urologie standardisierbar und folgen klaren Algorithmen, die sich digital abbilden lassen. Heute reicht der KI-Einsatz von der Bildanalyse über die Therapieplanung bis hin zur Operationsunterstützung.

Den größten Nutzen liefert die Bildgebung

Den größten praktischen Nutzen bringen aktuell die Anwendungen in der bildgebenden Diagnostik. Bei der Auswertung von MRT-Aufnahmen der Prostata, bei der Ultraschalluntersuchung von Hoden oder Nieren und bei der mikroskopischen Beurteilung von Gewebeproben unterstützen lernfähige Systeme den Radiologen oder Pathologen. Sie erkennen verdächtige Strukturen, klassifizieren sie nach ihrer Wahrscheinlichkeit, einen Tumor zu enthalten, und schlagen den weiteren diagnostischen Pfad vor. Bei der histologischen Beurteilung von Prostata-Biopsien zeigt KI eine Übereinstimmung mit erfahrenen Pathologen, die der zwischen verschiedenen menschlichen Befundern entspricht oder sie übertrifft.

KI in der Therapieplanung

Eine zweite Anwendungsfront betrifft die Therapieplanung. Hier werden patientenindividuelle Faktoren wie Tumorbiologie, Begleiterkrankungen und Lebensumstände in Algorithmen verarbeitet, die eine Entscheidungshilfe für die optimale Behandlung liefern. Beim lokalisierten Prostatakrebs etwa kann eine KI auf Basis der Risikoparameter abschätzen, ob eine aktive Überwachung sicher möglich ist oder eine Operation oder Bestrahlung das günstigere Vorgehen darstellt. Solche Systeme ersetzen nicht das ärztliche Gespräch, aber sie machen die Entscheidung transparenter und für den Patienten nachvollziehbarer.

Auch im Operationssaal

Auch im Operationssaal hält die künstliche Intelligenz Einzug. Roboterassistierte Eingriffe an der Prostata oder Niere lassen sich durch Bildverarbeitungssysteme begleiten, die in Echtzeit anatomische Strukturen erkennen und den Operateur warnen, wenn er sich kritischen Bereichen wie Nerven oder Gefäßen nähert. Erste klinische Pilotprojekte zeigen, dass solche Systeme die Komplikationsraten weiter senken können. Auch in der Ausbildung junger Operateure spielen sie eine Rolle, weil sie eine objektive Bewertung von Operationstechniken ermöglichen.

Wo die Grenzen liegen

Bei aller Begeisterung sind auch die Grenzen der Technologie zu beachten. KI-Systeme sind nur so gut wie die Daten, mit denen sie trainiert wurden. Wenn diese Daten Verzerrungen enthalten, beispielsweise eine Überrepräsentation bestimmter Patientengruppen, übernimmt die KI diese Verzerrungen. Auch die Erklärbarkeit der Entscheidungen ist ein offenes Feld. Eine KI kann eine Empfehlung geben, ohne dass der Mensch im Detail nachvollziehen kann, wie sie zustande kam. In der Medizin ist das problematisch, weshalb viel Forschung in die Entwicklung erklärbarer Systeme fließt. Letztlich bleibt die Verantwortung beim behandelnden Arzt. Die KI ist ein Werkzeug, das die ärztliche Entscheidung unterstützt, nicht eines, das sie ersetzt.

Quellen

  1. Cacciamani, G. E., Sanford, D. I., Chu, T. N., et al. (2025). Artificial intelligence applications in urology: a comprehensive review of current evidence and future directions. European Urology, 87(6), 743–755.
  2. Checcucci, E., Autorino, R., Cacciamani, G. E., et al. (2020). Artificial intelligence and neural networks in urology: current clinical applications. Minerva Urology and Nephrology, 72(1), 49–57.
  3. Suarez-Ibarrola, R., Hein, S., Reis, G., Gratzke, C., Miernik, A. (2020). Current and future applications of machine and deep learning in urology: a review of the literature. World Journal of Urology, 38(10), 2329–2347.
  4. Saha, A., Bosma, J. S., Twilt, J. J., et al. (2024). Artificial intelligence and radiologists in prostate cancer detection on MRI (PI-CAI). Lancet Oncology, 25(7), 879–887.