Wenn ein Paar über einen unerfüllten Kinderwunsch spricht, geht der erste Weg meist zur Frauenärztin. Dabei zeigen die Daten klar, dass die Ursache in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann liegt oder zumindest mitverantwortlich ist. Männliche Fertilitätsstörungen sind häufig, aber sie werden seltener diagnostiziert, weil die Schwelle zur urologischen Abklärung oft hoch liegt. Dabei ist die Untersuchung schnell, schmerzfrei und liefert in vielen Fällen eindeutige Antworten.
Das Spermiogramm als Grundlage
Die Basis der männlichen Fertilitätsdiagnostik ist das Spermiogramm. Dabei wird eine Samenprobe in einem spezialisierten Labor auf mehrere Parameter untersucht. Die Anzahl der Spermien pro Milliliter, ihre Beweglichkeit und ihre Form geben Hinweise auf die Fertilität. Die Weltgesundheitsorganisation hat Referenzwerte definiert, die seit 2021 in der sechsten Auflage gelten. Wichtig ist, dass schon eine einzelne Probe nicht ausreicht, weil die Werte natürlichen Schwankungen unterliegen. Bei einem auffälligen Ergebnis wird die Untersuchung nach mehreren Wochen wiederholt, um eine zuverlässige Aussage zu bekommen.
Häufige Ursachen einer Fertilitätsstörung
Hinter einer eingeschränkten Fertilität können sehr unterschiedliche Ursachen stehen. Hormonelle Störungen, etwa ein Mangel an Testosteron oder den steuernden Hypophysenhormonen, lassen sich über eine einfache Blutuntersuchung erfassen. Anatomische Auffälligkeiten wie eine Krampfader im Hodensack, die sogenannte Varikozele, sind ebenfalls häufig. Sie können den Hoden überwärmen und so die Spermienproduktion stören. Ein Hodenhochstand, der in der Kindheit übersehen oder nicht ausreichend behandelt wurde, hinterlässt manchmal lebenslange Spuren in der Spermienqualität. Auch frühere Erkrankungen wie ein Mumps mit Hodenbeteiligung, Operationen im Beckenbereich oder bestimmte Medikamente und Genussgifte können eine Rolle spielen.
Was sich behandeln lässt
Im Bereich der Behandlungsmöglichkeiten hat sich in den letzten Jahren viel getan. Wenn die Spermienqualität durch eine Varikozele eingeschränkt ist, kann die operative Korrektur die Fertilität deutlich verbessern. Bei hormonellen Störungen lassen sich diese mit gezielter Hormongabe oft gut behandeln. Lebensstilfaktoren spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Übergewicht, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum und chronischer Stress wirken sich nachweislich negativ auf die Spermienqualität aus. Schon mehrere Monate konsequente Verbesserung dieser Faktoren können das Spermiogramm spürbar bessern.
Bei schweren Befunden: operative Optionen
Bei schwerwiegenden Befunden oder ausbleibender Spermienproduktion stehen heute auch operative Verfahren zur Verfügung. Die mikrochirurgische Spermienextraktion aus dem Hoden, kurz Mikro-TESE, ermöglicht selbst bei Männern, die im Ejakulat keine Spermien aufweisen, in vielen Fällen die Gewinnung verwendbarer Spermien für eine künstliche Befruchtung. Auch genetische Untersuchungen sind heute Bestandteil der modernen Diagnostik, weil sich hinter manchen Fertilitätsstörungen erbliche Ursachen verbergen, die für die Familienplanung wichtig sind. Wer einen Kinderwunsch verfolgt und nach einem Jahr ohne Erfolg geblieben ist, sollte sich nicht scheuen, frühzeitig die urologische Abklärung in Anspruch zu nehmen. Sie liefert Klarheit und eröffnet in den meisten Fällen konkrete Handlungsmöglichkeiten.
Quellen
- Boeri, L., Ventimiglia, E., Capogrosso, P., et al. (2025). Male infertility evaluation in 2025: updated diagnostic algorithms and emerging biomarkers. Nature Reviews Urology, 22(3), 156–172.
- World Health Organization. (2021). WHO laboratory manual for the examination and processing of human semen (6th ed.). WHO Press, Geneva.
- Salonia, A., Bettocchi, C., Capogrosso, P., et al. (2024). EAU Guidelines on sexual and reproductive health. European Association of Urology, Arnhem.
- Esteves, S. C., Roque, M., Bedoschi, G., Haahr, T., Humaidan, P. (2018). Intracytoplasmic sperm injection for male infertility and consequences for offspring. Nature Reviews Urology, 15(9), 535–562.