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Beim Prostatakrebs zählt die Beurteilung der Aggressivität zu den wichtigsten Aufgaben des Pathologen. Anhand der Gewebeproben aus der Biopsie wird der Gleason-Score ermittelt, der seit Jahrzehnten die Grundlage für Therapieentscheidungen bildet. Doch dieser klassische Wert hat seine Grenzen. Zwei Tumoren mit identischem Gleason-Score können sich in ihrem tatsächlichen Verhalten erheblich unterscheiden. Der eine wächst über Jahre kaum, der andere streut früh in Knochen oder Lymphknoten. Genau hier setzen genomische Tests an. Sie analysieren die Aktivität bestimmter Gene im Tumorgewebe und liefern eine zusätzliche Information darüber, wie aggressiv eine bestimmte Erkrankung wirklich ist.
Die wichtigsten verfügbaren Tests
Mehrere kommerzielle Tests konkurrieren in diesem Feld. Prolaris betrachtet die Aktivität von Genen, die mit der Zellteilungsrate zusammenhängen. Je mehr dieser Gene aktiv sind, desto schneller teilt sich der Tumor und desto aggressiver verhält er sich. Oncotype DX Genomic Prostate Score betrachtet einen Mix aus Genen, die mit dem Tumorwachstum, dem Hormonweg und der Zellstabilität zusammenhängen. Decipher hingegen wurde ursprünglich an Operationspräparaten entwickelt, kann aber auch aus Biopsien bestimmt werden, und liefert eine Risikoeinschätzung für Metastasenbildung und prostatakrebsbedingten Tod über die kommenden zehn Jahre.
Wo der klinische Nutzen liegt
Sinnvoll eingesetzt liefern diese Tests Antworten auf zwei klinisch wichtige Fragen. Bei einem neu diagnostizierten Prostatakrebs des niedrigen oder mittleren Risikos hilft das Ergebnis bei der Entscheidung, ob eine aktive Überwachung sicher möglich ist oder ob eine sofortige Behandlung empfohlen werden sollte. Wenn der Test eine niedrige genomische Aggressivität zeigt, kann das das Vertrauen in eine Strategie der aktiven Überwachung stärken. Umgekehrt kann ein hoher Score die Patienten und ihre Ärzte zu einer Therapie ohne weiteres Zögern bewegen. Nach einer bereits durchgeführten Operation kann ein Test wie Decipher zudem helfen, die Frage einer ergänzenden Bestrahlung oder Hormontherapie individualisierter zu beantworten.
Wissenschaftliche Einordnung
Die wissenschaftliche Bewertung der Tests fällt nicht einheitlich aus. Internationale Leitlinien wie die der European Association of Urology sind vorsichtig in ihrer Empfehlung, weil belastbare prospektive Studien rar sind. Die meisten verfügbaren Daten stammen aus retrospektiven Auswertungen großer Kohorten. Die Tests liefern zusätzliche Informationen, die mit den klassischen Risikoparametern korrelieren, aber nicht immer zu anderen Therapieentscheidungen führen. In der amerikanischen Praxis sind die Tests stärker etabliert als in Europa, was unter anderem an Erstattungsfragen liegt.
Erstattung und sinnvoller Einsatz
In Deutschland werden genomische Tests bei Prostatakrebs noch nicht routinemäßig erstattet. Wer eine entsprechende Untersuchung wünscht, muss sie meist als Selbstzahlerleistung in Anspruch nehmen, mit Kosten in der Größenordnung von etwa 3.000 bis 4.000 Euro. Manche private Krankenversicherer übernehmen die Kosten in Einzelfällen. Bevor ein Test in Auftrag gegeben wird, sollte das Gespräch mit dem behandelnden Urologen klären, ob die zu erwartende Information die anstehende Therapieentscheidung tatsächlich beeinflussen würde. In Fällen mit eindeutiger klinischer Konstellation, also bei klar niedrigem oder hohem Risiko, bringt ein Zusatztest wenig Nutzen. In den unklaren Grenzbereichen kann er hingegen eine wertvolle Entscheidungshilfe sein.
Quellen
- Berlin, A., Spratt, D. E., Tran, P. T., et al. (2026). Clinical utility of genomic classifiers in prostate cancer: a systematic review and consensus statement. European Urology Oncology, 9(2), 156–169.
- Cuzick, J., Stone, S., Fisher, G., et al. (2015). Validation of the Prolaris cell cycle progression score for predicting death from prostate cancer in a conservatively managed needle biopsy cohort. British Journal of Cancer, 113(3), 382–389.
- Klein, E. A., Cooperberg, M. R., Magi-Galluzzi, C., et al. (2014). A 17-gene assay (Oncotype DX Genomic Prostate Score) to predict prostate cancer aggressiveness in the context of Gleason grade heterogeneity. European Urology, 66(3), 550–560.
- Spratt, D. E., Yousefi, K., Deheshi, S., et al. (2017). Individual patient-level meta-analysis of the performance of the Decipher genomic classifier in high-risk men after prostatectomy. Journal of Clinical Oncology, 35(18), 1991–1998.